Im RADIO : Vom Irrenhaus ins Museum

Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs - Was Sie diese Woche im Hörfunk nicht verpassen sollten.

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Die Griechenlandfreunde unter uns werden in diesen Tagen zwiespältige Gefühle haben. Einerseits gar nicht so schlecht, dass den Griechen wegen ihrer laxen Wirtschaft jetzt mal Daumenschrauben angelegt werden. Andererseits soll unter der anstehenden Radikalsanierung nicht die südliche Lebensfreude leiden, die wir auch in den nächsten Ferien noch genießen wollen. Wie es im Inneren der griechischen Seele aussieht, erzählt Marianthi Milonas Feature „Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs“. Die Autorin hat drei Griechen durch ihren Alltag begleitet und ist zur titelgebenden Diagnose gekommen. Rentnerin, Angestellte und Beamte verbindet eine apokalyptische Grundstimmung. Was kann die griechischen Nerven jetzt noch beruhigen? (SWR 2, 2. Februar, 22 Uhr 05, Kabel UKW 107,85MHz)

Wer in Ostdeutschland ein wenig Skizirkus erleben will, muss nach Oberwiesenthal. Nur in der kleinen sächsischen Stadt am Fichtelberg gibt es reichlich Hänge und Lifte, sogar Après-Ski. Allerdings ist Autor Matthias Eckoldt nach Oberwiesenthal gefahren, um sich über die Zukunft eines deutschen Wintersportortes in Zeiten des Klimawandels zu informieren. Obwohl Oberwiesenthal in diesem Winter tief verschneit und klirrend kalt ist, präsentieren die Touristikmanager ihre Stadt als Heilkurort für den Ganzjahresgebrauch. Höhenluft und Höhensonne, ein satellitenüberwachtes Netz von Wanderwegen und Wellnessangebote. „Wintersport ade“ heißt das stimmungsvolle Feature über ein verschneites Paradies und seine Arbeit an einer vielleicht schneelosen Zukunft (Deutschlandradio Kultur, 5. Februar, 15 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

Die Reproduktionsmedizin ist heute so weit fortgeschritten, dass ein Embryo auf etwa 7000 Merkmale für spätere Krankheitsrisiken untersucht werden kann. Wer in England viel Geld bezahlt, darf sich aus mehreren Embryonen den lebenstauglichsten heraussuchen lassen. Paul Plampers und Julian Kamphausens Hörspiel „Die Unmöglichen“ führt in einen fantastischen „pränatalen Spekulationsraum“. Drei in vitro erzeugte Föten warten dort auf die Entscheidung ihrer Eltern, welcher von ihnen erwählt und ausgetragen wird. Bis es so weit ist, erzählen sie von ihrem kommenden Leben, das einstweilen nur eine Möglichkeit ist. Sie kommentieren den Entscheidungsprozess der Eltern und spekulieren heftig, wer von ihnen wohl das Rennen machen wird (Deutschlandradio Kultur, 7. Februar, 0 Uhr 05).

Zwei junge Polinnen teilen sich eine Wohnung in Berlin. Die gemeinsame Küche ist Zufluchtsort und Kommunikationszentrale. Hier werden sonderbare Erlebnisse mit den Deutschen analysiert, ökonomische Überlebensstrategien ersonnen, typisch weibliche Konflikte ausdiskutiert. In Renata Borowczaks und Johanna Rubinroths Hörspielminiaturen „Kick, Krieg und Katastrophen“ belauschen wir zwei Frauen beim Küchenpalaver der besonderen Art. Mit spitzer Zunge, philosophischem Charme und einer Neigung zur Eulenspiegelei deklinieren die Damen die kulturellen Differenzen zwischen Polen und Deutschen durch. Man verachtet und beneidet die Nachbarn, fühlt sich fremd und doch vertraut, überlegen und minderwertig zugleich (Kulturradio vom RBB, 7. – 11. Februar, jeweils 14 Uhr 10, UKW 92,4 MHz).

Antonin Artaud ist ein Säulenheiliger im Museum der Kunstmoderne. Dabei hat der französische Künstler viele Jahre im Irrenhaus zugebracht, wo Ärzte ihn mit Elektroschocks von seinen Wahnvorstellungen heilen wollten. Die Achtundsechziger haben Artaud dann rehabilitiert. Unter dem Titel „Schwarze Tasche/Finsteres Fleisch“ hat Autor Michael Farin eine Hörcollage aus Texten und Briefen Artauds zusammengestellt. Noch einmal die bedrängenden Visionen eines metaphysischen Fundamentalisten. Grelle Kassandraschreie, die Artaud gegen die bürgerliche Welt und ihre Rationalitätsgläubigkeit ausstößt. Existenzqualen eines kranken Genies, das manchen als krank, anderen als genial erschienen ist (Deutschlandfunk, 8. Februar, 20 Uhr 10, UKW 97,7 MHz).

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