Im RADIO : Vom Schein und dem Sein

Tom Peuckert verrät, was Sie nicht verpassen sollten

Tom Peuckert

Wie viel ist ein Mensch wert? Einerseits kann uns diese Frage auf die Höhen blumiger Rhetorik führen. Andererseits gibt es seit der Antike ziemlich konkrete Preislisten für den Handel mit Menschenware. In ihrem Feature „Was kostet ein Mensch?“ erzählen Peter Angerer und Josef Nussbaumer von alten Dokumenten, in denen etwa eine Braut mit einer gewissen Anzahl von Kühen verrechnet wird. Auch der Sklavenhandel funktioniert seit altersher über präzise Kalkulationen. Ein moderner Menschenhändler, der europäischen Zuhältern frische Ware anbietet, begründet seine Preise mit konkreten Kosten-Nutzen-Kalkulationen (Kulturradio, 31. Oktober, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

„100 Meter unterm Gras“

heißt eine Lange Radionacht, die der deutschen Braunkohle gewidmet ist. Autor Heinz-Jörg Graf hat sich in den Abbaurevieren des Landes umgesehen. Im Osten sind alle Tagebaue weitgehend leergefressen, nun sollen die Kraterlandschaften einer neuen Nutzung zugeführt werden. Tourismusmanager träumen von wunderschönen Seenplatten, ein Winzer verwandelt Kohlehalden in blühende Weinberge. Am Rhein dagegen ist die Energieschlacht noch in vollem Gange. Dörfer werden umgepflügt, Menschen verlassen ihre Heimat. In dieser Nacht sprechen Experten und Betroffene über einen Stoff, der große Industrien am Laufen hält und kleine Existenzen radikal verändern kann (Deutschlandradio Kultur, 3. November, 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

Dass der Schein das Sein bestimmt, sagt einem heute jeder Imageberater. Dabei galten Authentizität und Wahrheitsliebe mal als Inbegriff bürgerlicher Tugenden, das Erzeugen falscher Selbstbilder gehörte eher zum Berufsleben der Halb- und Unterwelt. Hannah Hofmann und Sven Lindholm befassen sich in ihrem Hörspiel „Alibis“ mit einem paradoxen Wandel unseres Wertempfindens. Bestimmte Formen der Täuschung in eigener Sache sind mittlerweile gesellschaftlich akzeptiert, ja beinahe notwendig. Das Hörspiel erzählt von vier notorischen Alibierfindern. Personen, die mit professioneller Raffinesse falsche Fährten legen. Ob es sich dabei um Agenten einer modernen Lebensform handelt oder bloß um gemeine Verbrecher, lässt das Hörspiel in reizvoller Unschärfe (Deutschlandradio Kultur, 5. November, 0 Uhr 05).

Als die Autorin Kathrin Passig letztes Jahr den Bachmann-Preis gewann, hatten die Feuilletonisten des Landes Erklärungsbedarf. Wer war diese Frau mit dem messerscharfen Intellekt, die auf ihren T-Shirts eine rätselhafte Institution namens „Zentrale Intelligenz Agentur“ protegierte? In welche Schublade passten Leben und Werk der Preisträgerin? Am schnellsten beim Definieren war ausgerechnet die „Zentrale Intelligenz Agentur“. Zwei ihrer Mitglieder kreierten den Begriff „digitale Boheme“ und warfen ein Buch voller Erklärungen zum Phänomen auf den Markt. Im Feature „Die Netzglücksritter“ erzählen uns Susanne Luerweg und Sabine Oelze noch einmal, was es mit dieser neuen Form eines technikorientierten Lebenskünstlertums auf sich hat. (Deutschlandfunk, 4. November, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

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