Im RADIO : Vom Sterben und vom Träumen

Tom Peuckert verrät, was Sie nicht verpassen sollten.

Tom Peuckert

Vor drei Jahren starb der Dichter Thomas Kling. Vielleicht war Kling die bedeutendste Stimme der zeitgenössischen Lyrik in Deutschland. Er schrieb über den Zusammenhang von Technik und Krieg und über den Kampf des Menschen mit seiner eigenen Geschichte, der auch in der Sprache stattfindet. Regisseur Heinz von Cramer hat aus Klings hoch musikalischen Texten ein Hörstück collagiert. „Agonie“ führt zurück auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs. In den Laufgräben von Verdun sah Kling den blutigen Lauf des Jahrhunderts vorgezeichnet. Das Hörstück spannt den Bogen zwischen Maschinen, die zum Totentanz aufspielen, und dem lyrischen Ich, das all dem mit einer Sprache des Sinns beizukommen sucht. Wie der Titel schon verrät, ohne größeren Erfolg. Aus der Agonie der Körper folgt die Agonie der Sprache (Deutschlandradio Kultur, 12. November, 21 Uhr 33, UKW 89,6 MHz).

Beim Südwestrundfunk geht es eine Nacht lang um Fabelwesen. Um Elfen und Zauberer, Drachen und andere Ungeheuer. Um so wichtige Dinge, wie die Lieblingsspeise der Trolle und den Schutz vor bösen Blicken. „Wenn Träume Feuer speien“ heißt die nächtliche Séance, die ausdrücklich für ein ganz junges Publikum gedacht ist. Eine Einladung an alle Halbwüchsigen, es sich weit über die normale Schlafengehenszeit hinaus vorm Radio gemütlich zu machen, eine Aufforderung an die Eltern, in dieser Nacht einmal alle Augen zuzudrücken. Vielleicht hören sie ja selber mit, wenn die Reise entlang einer magischen Landkarte quer durch Deutschland führt. Zu Nebelhöhlen und Zaubertürmen, zu Feengrotten und den Schatzkammern der Zwerge (SWR 2, 14. November, ab 20 Uhr 05, Kabel UKW 107,85 MHz).

Die Figuren in den Romanen und Erzählungen des Schweizer Schriftstellers Peter Stamm leiden an einer schwer zu benennenden Traurigkeit. Die ganze Welt steht ihnen zur Verfügung, aber eine Heimat kennen sie nicht. Stamms Hörspiel „Treibgut“ erzählt von drei jungen Schweizern, die in New York für eine Bank arbeiten. Robert und seine Freunde Werner und Graham treffen dort auf die junge Finnin Lotta. Sie alle sind moderne Nomaden. Man findet und verliert sich, die Liebe wächst und vergeht, das Leben ist leicht und zugleich schwer. Etwas fehlt zum Glück, aber was es sein könnte, weiß keine der Figuren. Mit lakonischer Poesie erzählt Stamm vom menschlichen Treibgut des globalen Kapitalismus (Kulturradio vom RBB, 14. November, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Darf man den erklärten Absichten der professionellen Sterbehelfer trauen? Geht es tatsächlich um mehr Freiheit und Menschenwürde oder doch eher um Geschäfte mit Lebensmüden? In seinem Feature „EXIT“ erwägt Autor Jean-Claude Kuner die drängenden ethischen Fragen zum Thema. Kuner bringt Philosophen wie Seneca und Montaigne ins Spiel, hat aber auch Angehörige der Schweizer Suizidhilfeorganisation EXIT getroffen. Was ist von einer Liberalisierung in Sachen Freitod zu erwarten? Ein wucherndes ökonomisches Kalkül, das Leben immer entschiedener in wertvoll und wertlos trennt? Oder machen wohlorganisierte Sterbetechniken unser Leben am Ende doch lebenswerter? (Kulturradio vom RBB, 15. November, 9 Uhr 05).

Auch Donat Schobers Feature „Du bist mein Leben und ich dein Carl“ führt zurück in die Landschaften des Ersten Weltkriegs. Eine Collage aus Briefen und Telegrammen, die sich zwischen 1914 und 1918 ein deutscher Feldarzt und seine Frau geschrieben haben. Erschütternde Beobachtungen des Völkergemetzels und der Alltag daheim. Öffentliches Massensterben und die Privatheit einer Liebe (Kulturradio vom RBB, 16. November, 14 Uhr 04).

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