Im RADIO : Wange an Wange ins Märchenland

Tom Peuckert verrät, was man in den nächsten Tagen im Radio nicht verpassen sollte.

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Vor genau 100 Jahren stirbt Leo Tolstoi. In einem kleinen russischen Bahnwärterhäuschen, auf der Flucht vor seiner Familie und seinen Besitztümern, vor all den Paradoxien, die sein Leben ausgemacht haben. Bereits zwei Jahrzehnte zuvor hat Tolstoi eine derartige Flucht in seinem autobiografischen Drama „Und das Licht scheint in der Finsternis“ imaginiert. Ein unvollendetes Monsterwerk mit vier Dutzend Rollen, das Autor Gerhard Ahrens und Regisseurin Elisabeth Panknin raffiniert für das Radio adaptiert haben. Der urchristlich gesonnene Tolstoi, der als denkender Künstler natürlich furchtbar recht hatte, aber als handelnder Mensch trotzdem schwer zu ertragen war. Selten schien sein Drama gegenwärtiger als in diesem Hörspiel (Deutschlandfunk, 20. November, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

Wir alle kennen die Sehnsucht, es möge endlich einmal still sein. Draußen in der tobenden Stadt und drinnen in der ewig begehrenden Brust. In Rainer Schildbergers Feature „Sehnsucht nach Stille“ hören wir geplagte Großstadtbewohner, die ihre Lärmphobien ausmalen. Der nervenzerfetzende Betrieb der Maschinen, aber auch die Mühen einer unablässig plätschernden Kommunikation. Eine paradiesische Gegenwelt hat der Autor im Trappistenkloster Mariawald in der Nordeifel entdeckt. Im Mittelpunkt der mönchischen Ordnung steht das Schweigen. Im Kloster verständigt man sich über die Dinge des Alltags mit einer stummen Zeichensprache. Weil jedes Wort den Raum zerschneidet und das In-sich-Hören beschädigt (Kulturradio vom RBB, 21. November, 14 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Drei Jungen an der Schwelle zum Erwachsenenalter wollen eine Bank überfallen. Sie denken sich gar nichts Böses dabei, nur ein bisschen reich möchten sie werden. Alles soll schnell und präzise ablaufen, niemand wird zu Schaden kommen. Aber dann wird aus dem sauberen Verbrechen ein blutiger Albtraum. In Wolfgang Zanders Radiokrimi „Unschuld“ erzählt einer der Täter die ganze Geschichte vom bösen Ende her. Ein sympathischer Junge, der im Grunde nicht zum tragischen Helden taugt. Doch das Schicksal hat etwas anderes mit ihm und seinen Freunden vor (Deutschlandradio Kultur, 22. November, 21 Uhr 33, UKW 89,6 MHz).

Kathi ist Friseuse in Berlin. Weil ihr Leibesumfang angeblich das ästhetische Empfinden der Kundschaft beleidigt, hat sie die Stelle bei Friseur Krieger nicht bekommen. Also sucht die Unerschrockene nach Risikokapital, um einen eigenen Laden aufzumachen. Eben war Kathi noch Hauptfigur in Doris Dörries neuem Film, nun hat Regisseurin Judith Lorentz das Drehbuch von Laila Stieler unter dem Titel „Ick bin nu ma Friseuse“ als Hörspiel adaptiert. Die Lebensbekenntnisse eines weiblichen Hans im Glück, großartig von der Schauspielerin Steffi Kühnert interpretiert. Wie die dicke Friseuse durch ihr irdisches Jammertal wandert und dabei weder Witz noch Lebenskraft verliert (Deutschlandfunk, 23. November, 20 Uhr 10).

Tango ist der europäische Modetanz dieser Jahre. Das Gleiten in verwirrend-labyrinthischen Schrittkombinationen, Wange an Wange, Brust an Brust, das stets an ein erotisches Duell denken lässt. Feature-Autorin Annette Berger hat Tangoenthusiasten sogar im hohen Norden des Kontinents gefunden. Die Finnen haben aus dem argentinischen Vorstadtklassiker eine Art moderne Volksmusik gemacht. In „Das Märchenland des Tangos“ betreibt die Autorin Feldforschung bei finnischen Tangolehrern und Tangomusikern und natürlich bei den Tänzern selbst, die in speziellen Tanzhallen ihrer exotischen Leidenschaft frönen (Deutschlandradio Kultur, 24. November, 0 Uhr 05).

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