IM RADIO : Warten, Wandern, Wachleute

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Die ungarische Jüdin Marta Heller hat Auschwitz überlebt. Heute gehört sie zu den letzten Zeugen, die noch aus eigener Erfahrung vom großen Völkermord erzählen können. „Ich finde keinen Platz auf dieser Welt“ heißt ein eindrucksvolles Feature von Regina Kusch und Andreas Beckmann, das Marta Hellers Lebenserinnerung dokumentiert. Eine temperamentvolle alte Dame, deren Existenz in eine behütete Kindheit und ein ruheloses Wanderleben quer über den Globus zerfällt. Dazwischen liegen die Erlebnisse an der Selektionsrampe und auf dem Todesmarsch, der Mord an den Eltern und an der besten Freundin (Deutschlandfunk, 16. April, 20 Uhr 10, UKW 97,7 MHz).

Was genau meinen wir, wenn wir vom Grauen reden? Ist das Grauen etwas alltägliches, das jeder von uns schon erlebt hat? Oder sollte dieser Begriff für Ausnahmeerfahrungen reserviert bleiben? Eine ganze Radionacht lang bemüht sich Autorin Beate Ziegs um das Grauen. Es ist etwas anderes als der fiktionale Schrecken der Horrorfilme. Das Grauen ist näher an der Wirklichkeit. Es lauert an den Grenzen unserer friedlichen Welt und droht mit nächtlichen Übergriffen. Wer das Grauen in all seinen Facetten kennenlernen möchte, sollte Beate Ziegs Radionacht „Herzen in der Finsternis“ nicht verpassen (Deutschlandradio Kultur, 17. April, ab 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

Gern lassen wir uns von Mark Twain über die eigene Kuriosität belehren. „Die Ahnungslosen im alten Europa“ heißt ein Hörspiel nach den berühmten Reisetagebüchern des Amerikaners. Twain ist 1867 und 1878 in Europa gewesen, er wanderte in der Schweiz, trank aus Brunnen in Baden-Baden, besuchte die Antiquitäten von Rom. Im Auftrag einer amerikanischen Zeitung beschrieb er das Treiben auf dem alten Kontinent und machte sich Gedanken über die Differenz zwischen seinen Landsleuten und den Europäern. Bei Letzteren fand er nicht nur viel museale Kultur, sondern auch eine gewisse Ahnungslosigkeit, die wirklichen Weltverhältnisse betreffend (Deutschlandradio Kultur, 18. April, 18 Uhr 30).

Beim Warten haben wir es scheinbar mit einem lästigen Alltagsübel zu tun. Eine Lücke im Komfort, ein Riss in der Freiheit. Die moderne Gesellschaft legitimiert sich geradezu durch die Verringerung von Wartezeiten. Schneller Zugriff auf die Ware, kurzer Prozess in den Verwaltungen, beschleunigte Fahrt auf allen Wegen. In ihrem Feature „Die Ökonomie der Warteschlange“ lässt Autorin Nora Sobich einen amerikanischen Professor zu Wort kommen, der sein ganzes Berufsleben der Mathematik und der Psychologie des Wartens gewidmet hat. Der Experte kann auch erklären, warum dieselben Menschen, die an einer Supermarktkasse rasch nervös werden, stundenlang geduldig vor der Tür einer angesagten Kunstausstellung ausharren können (Kulturradio vom RBB, 19. April, 19 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Sie gehen Streife im Plattenbauviertel und halten Wache im Arbeitsamt. Sie kontrollieren vor der Diskotür und sichern die Geldübergabe im Supermarkt. Für sein Feature „Wachleute, Türsteher, Neonazis“ hat Autor Michael Weisfeld die private Sicherheitsbranche in Deutschland aus der Nähe beobachtet. Er fand solide Arbeitnehmer, die für Dumpinglöhne ihre Haut zu Markte tragen, aber auch besorgniserregende Gestalten. Einige Firmen sind aus rechtsradikalen Kampfsportvereinen hervorgegangen, organisierte Kriminelle haben im Gewerbe Fuß gefasst. Welche Weg geht die boomende Branche? Wie viel private Sicherheit ist für eine Demokratie erträglich? Und lässt sich das alles überhaupt politisch kontrollieren? (Deutschlandfunk, 20 April, 19 Uhr 15)

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