Im RADIO : Was die Schweiz sicher nicht erfand

Neues zu Island, Leben in den 70ern und Überfällen in Bukarest.

Tom Peuckert

Vor einem Jahr kam eine UN-Studie zu dem Schluss, dass man in keinem Land der Welt besser leben könne als in Island. Wenige Monate später war Island dann bankrott und der Traum vom Paradies auf Erden gründlich ausgeträumt. Was mit der kleinen Vulkaninsel da eigentlich passiert ist, erzählt Hannelore Hippe in ihrem Feature „Bananen-Shake auf Island“. Eine Geschichte über große Naivität und noch größere räuberische Energien, über rafffinierte Tricks, mit denen eine Handvoll Isländer ihre Landsleute ausplünderten, über ein trotzdem noch schönes Land, in dem die Stimmung heute besser ist als die wirtschaftliche Lage (SWR 2, 22. April, 22 Uhr 05, Kabel UKW 107,85 MHz).

Bruno, die Hauptfigur in Martin Heckmanns Hörspiel „Kommt ein Mann zur Welt“, ist eine Art Jedermann des beginnenden 21. Jahrhunderts. Ein Glückssucher ohne feste Grundsätze, ein mittlererer Typ auf lebenslanger Wanderschaft, getrieben von Zufällen und den Strömungen des Zeitgeistes. Bruno dilletiert als Bürger und als Künstler, er liebt und macht seine Liebe wieder kaputt, er ist für einen Moment berühmt und dann ganz schnell wieder vergessen. Was seine Identität gewesen sein könnte, versucht er sich im Nachhinein aus Erinnerungsfetzen mühsam zusammenzureimen. Heckmanns dramatisches Porträt, das auf Theaterbühnen viel Erfolg hatte, kann nun in einer schönen Radioadaption nachgehört werden (Deutschlandradio Kultur, 26. April, 18 Uhr 30, UKW 89,6 MHz).

Was trieb die deutsche Jugend eigentlich im Sommer nach Woodstock? Etliche Zehntausend reisten auf die Ostseeinsel Fehmarn zu einem „Love-and-Peace-Festival“. Das Festival war kein so großer Erfolg, wie Autor Meinhard Stark in seinem Feature über die Jugendkultur der siebziger Jahre „Von Fehmarn nach Erfurt-City“ erzählt, die Stimmung auf Fehmarn eher gedämpft, alles irgendwie nördlicher und nüchterner. Trotzdem wurde die deutsche Jugend in den Siebzigern bunter, vielfältiger und lauter. Man kam auf den Geschmack von Politik und anderen Drogen, statt Beat wurde Rock und später sogar Punk gehört. Im Westen besetzten sie Häuser, im Osten gründeten sich kirchliche Jugendgruppen. Fünf Zeugen, die in den Siebzigern jung gewesen sind, erinnern sich an ihr Leben, ihre Träume, ihre Kämpfe (Deutschlandfunk, 26. April, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

Krimiautor David Zane Mairowitz hat einen russischen Privatdetektiv namens Marlov erfunden, den er am offenen Herzen der stalinistischen Epoche operieren lässt. Marlov ermittelte im Fall des ermordeten Leningrader Parteisekretärs Kirov, zwanzig Jahre später untersuchte er die Hintergründe von Stalins Ableben. Nun schickt Nikita Chruschtschow den ungeliebten, aber brauchbaren Detektiv nach Rumänien. Im sozialistischen „Bruderland“ hat es 1959 einen seltsamen Banküberfall gegeben, für den jüdische Intellektuelle verantwortlich gemacht werden. Im Krimi „Marlov – Rumänische Rhapsodie“, der auf tatsächlichen Begebenheiten basiert, taucht Marlov ein in die politischen Sümpfe Bukarests und trifft auf einen bösen Mann namens Ceaucescu, von dem die Welt bald hören wird (Deutschlandradio Kultur, 27. April, 21 Uhr 33).

Wussten Sie, dass im Schweizer Kanton Appenzell Ausserrhoden die Frauen erst seit 20 Jahren wählen dürfen? Und der Kanton Innerrhoden musste 1990 sogar vom Bundesgericht gezwungen werden, das Frauenstimmrecht einzuführen. Zwar ist der Konservatismus der Eidgenossen legendär, aber diese Tatsache verlangt trotzdem nach Erklärung. In ihrem Feature „Sollen sie etwa mit der Küchenkelle stimmen?“ erzählt Autorin Irene Grueter von zähen Kämpfen um weibliche Gleichberechtigung, die in der Schweiz länger als anderswo in Europa dauerten. Von einem politischen Patriarchat, das so sehr gesellschaftlicher Konsens war, dass sogar viele Frauen ihren eigenen Ausschluss von der politischen Macht bis zuletzt bejahten (Kulturradio vom RBB, 28. April, 19 Uhr 05, UKW 92,4 MHz).

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