Im Radio : Weiberzuchthaus, Jahrhundertnacht

In ihrem Feature "Frauenzuchthaus Hoheneck" erzählt Gabriele Stötzer, wie die DDR politische Gegnerinnen neben verurteilten Mörderinnen einsperrte, Thilo Refferts Hörspiel handelt von den Erlebnissen am 9. November 1989.

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Vor 150 Jahren wurde im sächsischen Stollberg ein „Weiberzuchthaus“ eröffnet. Der Ort erlangte traurige Berühmtheit, weil die DDR dort ihre politischen Gegnerinnen einsperrte. Hier saßen Frauen, die in den Westen wollten, neben verurteilten Mörderinnen. Autorin Gabriele Stötzer wurde Ende der Siebziger wegen „Staatsverleumdung“ für fast ein Jahr in Hoheneck inhaftiert, bevor die Bundesrepublik sie freikaufte. Im Feature „Frauenzuchthaus Hoheneck“ erzählt sie von der langen, düsteren Geschichte des Ortes und von Drangsalierungen, die sie am eigenen Leib erlebt hat. Erst 2002 wurde Hoheneck geschlossen, später scheiterte ein Investor mit dem Versuch, aus dem Gefängnis ein Fun-Center zu machen (Kulturradio vom RBB, 28. September, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Der mexikanische Axolotl, von dem es in der Wildnis nur noch ein paar hundert Exemplare geben soll, ist ein ganz besonderes Tier. Ein Schwanzlurch, der verloren gegangene Körperteile und zerstörte innere Organe neu bilden kann. Ein Wesen, das mehrere Leben in sich trägt, ein Wunderwerk der Evolution. „Regenerative Medizin – der menschliche Axolotl“ heißt Gabi Schlags Radioessay, der sich den Versuchen der Wissenschaft widmet, Menschen mit den Fähigkeiten dieses magischen Lurches auszustatten. Die Autorin hat sich in den Laboren der Regenerationsmediziner umgehört und ihre Visionen eingesammelt. Dramatische Geschichten von Stammzellenzüchtung, Organdruckern und genetischer Reprogrammierung (Kulturradio vom RBB, 29. September, 22 Uhr 04).

Jeder kennt die Werbeplakate, die zu Diavorträgen über Reiseabenteuer einladen. Fotos von entlegenen Inseln oder schneebedeckten Achttausendern, dazu ein Titel, der die Begegnung mit Weltwundern verspricht. Wer sind die Veranstalter solcher Vorträge? Marietta Schwarz' Feature „Tiger, Tundra, Tansania“ erzählt vom Gewerbe der reisenden Diareferenten. Sie fahren auf Flößen übers Meer, wohnen unter Raubtieren, besteigen unbesteigbare Gipfel. Oft kehren sie nur heim, um mit Vorträgen in Volkshochschulen und Kulturzentren Geld für neue Fluchten zu verdienen. Das Reisen als Bühnenspektakel, unterstützt durch Multivision und Dolby Surround. Kein geringerer als der weitgereiste und redegewandte Alexander von Humboldt ist der Ahnherr ihres Berufsstandes (Deutschlandfunk, 2. Oktober, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

Angeblich wissen die meisten Ostdeutschen noch genau, was sie in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 gemacht haben. Auch Thilo Refferts amüsantes O-Ton-Hörspiel „Die Sicherheit einer geschlossenen Fahrgastzelle“ erzählt eine Geschichte aus der Jahrhundertnacht. Am Abend des 9. November fahren Mutter und Schwester des Autors, aufgewühlt von unglaublichen Fernsehnachrichten, mit dem Auto nach Marienborn. Um Viertel nach Neun sind sie tatsächlich die Ersten, die den eben geöffneten Grenzübergang Richtung Helmstedt passieren. In Helmstedt schläft alles. Gut zwei Jahrzehnte später versucht die Familie die Gefühle dieser Nacht minutiös zu rekonstruieren. Kann man die einmalige Melange aus Furcht und Hoffnung, Fassungslosigkeit und Euphorie erneut heraufbeschwören? (Deutschlandradio Kultur, 3. Oktober, 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz)

Was geschah tatsächlich im April 1986 in Tschernobyl? Gelangte nur eine winzige Menge Atombrennstoff ins Freie, wie die sowjetischen Behörden erklärten? Befindet sich der größte Teil des Giftes also noch heute unter der Betonhülle von Reaktor 4? Unter jenem Sarkophag, dessen Erhalt und Ausbau den Westen viel Geld kostet. Für sein Feature „Der Tanz um das Goldene Grab“ hat Autor Nicolaus Schröder Experten gefunden, die hier einen großen Betrug vermuten. Vor 25 Jahren sei das gesamte Uran des Reaktors auf einmal explodiert und habe sich als strahlende Wolke rund um die Welt verteilt. So dass heute in Tschernobyl nur ein sinnloser Betonklotz gehegt wird, sehr zum finanziellen Wohl des ukrainischen Staates (Deutschlandfunk, 4. Oktober, 19 Uhr 15).

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