Im RADIO : Weinbergfüchse, Hurengespräche

Tom Peuckert

Die meisten von uns werden sich wohl vor dem Gefängnis fürchten. Man stellt sich den Knast eng und drückend vor, vollkommen unfrei. Dass er auch ganz andere Gefühle wecken kann, erzählt Paula Schneiders Feature „Das Gespenst Freiheit“. Wir lernen Menschen kennen, die in der strengen Überschaubarkeit einer Haftanstalt eine Art Zuhause gefunden haben. Die nicht das Ende ihrer Haftzeit ersehnen, nicht die vorzeitige Entlassung. Die draußen manchmal überlegen, wie sie am schnellsten wieder reinkommen. Weil man drinnen Zeit hat zum Nachdenken. Weil in gewisser Weise dort pausenlos für einen gesorgt wird. Weil es so angenehm wenig zu entscheiden gibt (Deutschlandfunk, 12. Dezember, 20 Uhr 10, UKW 97,7 MHz).

Der Swing hat Glenn Miller einiges zu verdanken. Etwa den Trick mit den künstlich tiefer gelegten Saxofonen, durch den der typische Miller-Sound entstand. Christian Blees widmet dem amerikanischen Komponisten und Bandleader eine Lange Radionacht unter dem Titel „Fast wie ein Brief von zu Hause“. Miller als begnadeter Arrangeur, der einen Ohrwurm nach dem anderen schuf und für „Chattanooga Choo Choo“ die erste Goldene Schallplatte der Musikgeschichte bekam. Miller als Patriot, der während des 2. Weltkriegs sein erfolgreiches Orchester auflöste und in die Armee eintrat. Bis der Nebel über dem Ärmelkanal im Dezember 1944 sein Flugzeug verschluckte (Deutschlandradio Kultur, 13. Dezember, ab 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

Der Boxer ist gern gesehener Gast in der modernen Literatur. In Matthias Eckoldts Feature „Faust und Geist“ reden Romanciers über ihre Begeisterung für den Boxsport als konzentriertes Abbild unserer Existenzkämpfe. Sie sehen sich selbst als einsame Fighter über die lange Distanz, ständig bedroht von Tiefschlägen aus Kritik und Publikum. Aus der anderen Ecke des Rings hören wir einige prominente Faustkämpfer und ihre Trainer. Für sein Feature ist der Autor in den Ring gestiegen, wo er sich erklären lässt, wie viele Möglichkeiten sein professioneller Kontrahent jetzt hätte, ihn k. o. zu schlagen. Ein schöner Spagat zwischen Reportage und intellektueller Reflektion, ein unorthodoxer Blick auf das Boxgeschäft, beinahe so spannend wie ein echter Boxkampf (Kulturradio vom RBB, 14. Dezember, 14 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Wer schon immer den bürgerlichen Klassiker Feuchtwanger lesen wollte, kann es nun mit einer Hörspielfassung seines Romans „Die Füchse im Weinberg“ versuchen. Ein episch breites Zeit- und Sittengemälde jener Jahre, als sich in Amerika und Frankreich die großen Revolutionen vorbereiteten. Am Hof von Versailles treffen der Dichter Beaumarchais und der Politiker Benjamin Franklin aufeinander. Obwohl der französische Lebemann und der amerikanische Tatmensch nicht verschiedener sein könnten, kommt es zu einer überraschenden Allianz. In spannenden, eindrücklichen Figuren porträtiert Feuchtwanger die treibenden Kräfte jener Epoche (SWR 2, 14. Dezember, 18 Uhr 20, Teil 2 am 21. Dezember, 18 Uhr 20, Kabel UKW 107,85 MHz).

Heinrich Zille war gar kein echter Berliner. Vor 150 Jahren kam er in Dresden zur Welt, erst später zogen seine Eltern an die Spree. Bekanntlich hat Zille das Beste aus seinem Geburtsnachteil gemacht. Als künstlerischer „Milljöh“-Experte brachte er es in Berlin zu beträchtlichem Lokalruhm. Zille hat nicht nur gemalt, sondern im Jahr 1913 auch ein Büchlein mit dem Titel „Hurengespräche“ herausgebracht. Lutschliese, Bollenguste und andere professionelle Damen plaudern in einem „Bouillonkeller“ über ihr Gewerbe. Zilles deftiger Nighttalk kann nun in einer schönen Radioadaption gehört werden (Deutschlandfunk, 16. Dezember, 20 Uhr 10).

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