Im Radio : Wo Berlin magisch denkt

Mit welcher Raffinesse die weltbesten Nachwuchsköche um den Titel des Weltmeisters kämpfen, ist im Feature "Der siegreiche Seeteufel" zu hören. Einen Streifzug durch die religiöse Subkultur der Hauptstadt präsentiert das Hörspiel "Gnosis oder Die Moabiter".

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Auch Köche haben ihre Weltmeister. Der weltbeste Nachwuchskoch wird jedes zweite Jahr beim „Bocuse d’Or“ in Lyon gekürt. Wer dort gewinnt, darf hinterher in den renommiertesten Häusern kochen und von allerhand Sternen träumen. Burkhard Müller-Ullrichs Feature „Der siegreiche Seeteufel“ begleitet ein junges schwäbisches Talent in die Arena. Dicht beim Herd lauert eine internationale Jury, um die Küche herum sitzen lautstarke Fans. Wochenlang hat der Schwabe für Lyon trainiert, ein Menü entwickelt, die immergleichen Handgriffe geübt. Nun versucht er, einen absolut weltmeisterlichen Seeteufel zuzubereiten (Deutschlandfunk, 6. Mai, 20 Uhr 10, UKW 97,7 MHz).

Eine Frau ist ins Laufen gekommen. Sie meint es ganz ernst damit. Sogar einen Lauftrainer hat sie engagiert, der ihr die Techniken des Laufens professionell nahebringt. Schon bald ahnt man, dass diese Frau um ihr Leben läuft. Das Laufen ist ein Versuch, die eigene Seele zu retten. Marianne Zücklers Hörspiel „Die Läuferin“ erzählt von einer Frau in den mittleren Jahren. Ihr Vater ist gestorben, am Grab sind die Erinnerungen an seelische und körperliche Verletzungen der Kindheit wieder aufgebrochen. Das Verdrängte ist der Frau in die Beine gefahren. Sie muss weiterlaufen, bis sie mit sich im Reinen ist, oder sie wird bald zusammenbrechen (Kulturradio vom RBB, 6. Mai, 22 Uhr 05, UKW 92,4 MHz).

Armin Frosts Science-Fiction-Krimi „Das Herz von Jayne Mansfield“ führt in eine Zukunft voll wunderbarer Vergnügungen. Die dann lebenden Menschen haben ausgerechnet das 20. Jahrhundert als eine besonders romantische Epoche wiederentdeckt, was unter anderem dazu führt, dass sie sich von Robotern umsorgen lassen, die aussehen wie die Filmstars jener Zeit. Privatdetektiv Flint Nickels neuer Auftraggeber gleicht Rudolph Valentino aufs Haar, dessen Freundin ist eine Doppelgängerin von Jayne Mansfield. Zwei menschenähnliche Roboter, die sich ineinander verliebt haben. Aber nun ist das Herz der Frau defekt, und nur der Schöpfer dieser Wesen, ein kauziges Genie namens Bellini kann helfen. Nickels hat weder ein Visum noch ein taugliches Raumschiff, um auf fernen Planeten nach Bellini zu suchen. Trotzdem macht er sich auf den Weg (Deutschlandfunk, 7. Mai, 0 Uhr 05).

Traditionell darf in Berlin jeder glauben, was er will. Viele Zeitgenossen nutzen diese Freiheit recht intensiv, wie Oliver Sturms Hörspiel „Gnosis oder Die Moabiter“ eindrucksvoll beweist. Ein Streifzug durch die religiöse Subkultur der Hauptstadt, eine akustische Erkundungsreise in die hier ansässige Welt der Sekten und Religionsgemeinschaften. Vorm Mikrofon werden fundamentalistische Gewissheiten bekundet, apokalyptische Fantasien ausgeplaudert, transzendente Erlebnisse beschworen. Auch die Gebete der Gläubigen hat der Autor gesammelt, in vielen Zungen und Stilrichtungen. Sein Hörspiel ist ein fein komponierter, vielstimmiger Trip in das wilde, magische Denken Berlins (Deutschlandfunk, 7. Mai, 20 Uhr 05).

Clara und Patrick sind schon über achtzig, als sie sich im Altersheim begegnen. Sie erinnern sich, dass sie in jungen Jahren ineinander verliebt waren. Jetzt scheinen die alten Gefühle wieder aufleben zu wollen. Aber Patrick trinkt viel und seine Tochter nennt ihn einen notorischen Lügner. Clara dagegen ist seit langem wegen ihrer Vergesslichkeit entmündigt. Was soll man da von den Gefühlen der beiden Greise halten? John Mightons Hörspiel „Unser halbes Leben“ erzählt von den tragikomischen Wirren um eine verbotene Altersliebe, den Hilflosigkeiten wohlmeinender Angehöriger, Fluch und Segen des Vergessens (Deutschlandradio Kultur, 8. Mai, 18 Uhr 30, UKW 89,6 MHz).

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