Im RADIO : Womanizer und Wutbürger

Ernest Hemingway, Arsène Lupin, Ernst Jandl: Was sich in den kommenden Tagen im Radio lohnt.

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Vor genau 50 Jahren hat sich Ernest Hemingway in den Kopf geschossen. Ein Mann wie ein Baum, ein Boxer, ein Womanizer, ein erfolgreicher Künstler. All das hat irgendwann nicht mehr ausgereicht, um weiterleben zu wollen. Hinter der Maske des virilen Helden verbarg Hemingway schwerste Existenzängste. Das Feature „Wer beim Boxen kontert, wird nicht verrückt“ von Sibylle Tamin erzählt ein Künstlerleben, dessen äußerer Glanz eines Tages nichts mehr mit den inneren Empfindungen zu tun hatte. Während die Illustrierten sein Leben noch als eine Art Großer-Jungs-Traum anpriesen, war es für Hemingway längst zum Alptraum geworden (Kulturradio vom RBB, 29. Juni, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHZ).

Meisterdieb Arsène Lupin reist auf eine bretonische Insel, wo Forscher nach einem berühmten Stein suchen. Der sogenannte „Gottesstein“ soll magische Kräfte besitzen, die dem einen Glück und dem anderen furchtbares Unglück bringen. Hätte Lupin geahnt, wie viel Unglück er auf der Insel mitansehen muss, vermutlich wäre er mit seinem U-Boot in eine andere Weltgegend gefahren. Im Krimi „Arsène Lupin und die Insel der 30 Särge“ von Maurice Leblanc wird Lupin zum letzten Retter in einer geheimnisvollen Familientragödie. Um eine Serie von Morden zu beenden, muss er seine legendäre Verwandlungskunst erneut erproben (SWR 2, 30. Juni, 22 Uhr 03, Kabel UKW 107,85 MHz; Teil 2 am 7. Juni).

Bekanntlich hat Ernst Jandl gern mit bürgerlichen Bildungsheiligtümern seine Scherze getrieben. Mit der deutschen Sprache beispielsweise oder den Bewohnern des Dorfes Nobelpreis-Kuckucksheim. Viele der schwarzhumorigen Werke Jandls sind noch zu dessen Lebzeiten im Radio inszeniert worden, unter aktiver Teilnahme des Meisters. In „Das Röcheln der Mona Lisa“ kündigt Jandl zu Beginn mit drohendem Unterton eine „Sprachüberraschung“ an, was dann auch sofort in die Tat umgesetzt wird. Im berühmten Dramolett „Die Humanisten“ singen zwei Nobelpreisträger ihr bizarres Loblied auf die große deutsch-österreichische Geistesgeschichte (Kulturradio vom RBB, 1. Juli, 22 Uhr 04).

Im Allgemeinen werden die Demokratiegewinne der sechziger Jahre rebellischen Studenten und frühen Hippies gutgeschrieben. Ganz andere Erinnerungsschneisen schlägt das Feature „Blauer Himmel über der Ruhr“ von Erika Fehse. Ältere Herrschaften, die wir heute wohl Wutbürger der ersten Stunde nennen müssen, erinnern sich an die sechziger Jahre im Ruhrgebiet, als es Umweltzerstörung noch nicht in der Theorie gab, wohl aber in der alltäglichen Lebenserfahrung. Dass man der Obrigkeit ungestraft widersprechen konnte, so erinnert sich eine Protagonistin des bürgerlichen Öko-Aufbruchs im Ruhrgebiet, war damals eine ganz neue und sehr beglückende Erfahrung (Deutschlandfunk, 5. Juli, 19 Uhr 15, UKW 97,7 MHz).

Zwölf Jugendjahre lang hat Autor Heinz Strunk in einer Tanzkapelle namens „Tiffanys“ gespielt. Die Band tingelte durch die norddeutsche Provinz, musizierte auf Schützenfesten und Feuerwehrbällen, immer quer durch die Standards der Schlagerbranche. Immerhin hat Heinz Strunk seine Erlebnisse viele Jahre später zu einem preisgekrönten Hörspiel verarbeiten können. „Fleisch ist mein Gemüse“ heißt das Jugendporträt der besonderen Art (Deutschlandfunk, 5. Juli, 20 Uhr 10).

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