Im Schatten der Macht : Lautsprecher, Leisetreter

Sie sind immer dabei, eilen aber nie voraus – wie Sprecher den Spitzenpolitikern helfen, die richtigen Worte zu finden.

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Nah dran ist Regierungssprecher Ulrich Wilhelm an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Doch jetzt muss Merkel einen Nachfolger für ihn finden. Foto: ddp
Nah dran ist Regierungssprecher Ulrich Wilhelm an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Doch jetzt muss Merkel einen Nachfolger für ihn...Foto: ddp

So hat sich Petra Diroll ihren neuen Job nicht vorgestellt. Am Dienstag wollte sie den Dienst als neue Sprecherin von Bundespräsident Horst Köhler antreten, ihn zu offiziellen Terminen begleiten, seine Reden vorbereiten, ihm bei Interviews zur Seite stehen. Doch dann musste Diroll am Montag erleben, wie ihr neuer Chef vor laufenden Kameras seinen Job hinschmiss – und damit auch ihren. Denn jetzt gibt es erst mal keinen Bundespräsidenten, für den sie arbeiten kann. Trotzdem sitzt Diroll seit Dienstag im Bundespräsidialamt und leitet die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, beantwortet Anfragen von Journalisten und bereitet Termine von Jens Böhrnsen vor, der als Bundesratspräsident die Geschäfte Köhlers bis zur Neuwahl des Bundespräsidenten am 30. Juni übernommen hat.

Doch ob Diroll auch für das neue Staatsoberhaupt arbeiten wird, ist fraglich. Denn im besten Fall ist der Sprecher engster Berater und Vertrauter seines Chefs. Das gilt nicht nur für den Bundespräsidenten, sondern für alle Spitzenpolitiker wie die Bundeskanzlerin, Minister oder Parteichefs. Ihre Sprecher sollten jeweils zum „inner circle“ gehören, also bei den wichtigsten Beratungen und Entscheidungen dabei oder zumindest stets über diese informiert sein. Denn nur wenn ein Sprecher weiß, wie sein Chef denkt, kann er ihn nach außen vertreten, als Lautsprecher seine Erfolge verkaufen, als Leisetreter Konflikte minimieren.

„Ein Sprecher kann nur so gut sein, wie es die Vertrauensbasis ist zwischen ihm und der Person, für die er spricht“, sagt Uwe-Karsten Heye, der bis 2002 Regierungssprecher der rot-grünen Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD) war. Nur wenn das Vertrauensverhältnis stimme, wisse der Sprecher, wie der Amtsinhaber ticke, wie sein innerer Kompass sei, für was er stehe.

Köhler stand zum Schluss ohne seinen Sprecher da – und das, obwohl Worte das einzige Machtinstrument sind, über das der Bundespräsident per Grundgesetz verfügt. Köhlers Fall zeigt deshalb, dass der Erfolg eines Spitzenpolitikers zu einem nicht geringen Teil von der richtigen Wahl des Sprechers abhängen kann.

Köhlers Sprecher Martin Kothé hatte Mitte März gekündigt, Grund soll ein interner Machtkampf mit dem Chef des Bundespräsidialamtes, Hans-Jürgen Wolff, gewesen sein. Er habe Kothé zunehmend den Zugang zu Köhler erschwert, berichtete der „Spiegel“. Kothé habe nicht mehr bei wichtigen Entscheidungsrunden teilnehmen dürfen. Dabei war er es , der maßgeblich zu Köhlers Image als volksnaher Bundespräsident beigetragen hatte. Wäre der frühere Hörfunk- und Fernsehjournalist nicht gegangen, hätte er vermutlich auch das Interview in andere Bahnen geleitet, in dem sich Köhler zum Bundeswehreinsatz in Afghanistan äußerte und das am Ende seinen Rücktritt auslöste.

Dass es so weit kommen konnte, verwundert Thomas Steg, stellvertretender Regierungssprecher während der rot-grünen Bundesregierung und der großen Koalition, noch immer: „Es gehört zum Handwerk der Sprecher und Medienberater eines Spitzenpolitikers, dass ein Interview alle möglichen Reaktionen auslösen soll, aber sicher keinen Rücktritt auslösen darf“, sagt Steg, der heute als Kommunikationsberater in Berlin arbeitet. Spontan ein Hörfunkinterview zu geben sei bei einem Bundespräsidenten ohnehin überraschend. Dem Amt eher angemessen seien gewissenhaft vorbereitete Interviews, auch andere Spitzenpolitiker würden sich zu heiklen Themen wie einem Bundeswehreinsatz selten spontan, und wenn, dann eher in Printinterviews äußern. Denn diese werden autorisiert, missverständliche Aussagen können noch einmal korrigiert werden – eine für Journalisten weniger begrüßenswerte Regel, weil aus lauter Vorsicht oft die spannendsten Passagen gekürzt werden. Für den Politiker hingegen ist diese Handhabe ein nahezu unzerstörbares Sicherheitsnetz, das bei der Aufzeichnung eines Hörfunk- oder Fernsehinterviews schon eher einzureißen droht. Im Zweifel muss sofort entschieden werden, eine Antwort noch einmal aufzunehmen.

Doch da Köhler beim Radiointerview selbst keine Bedenken hatte und ihm auch niemand zur Seite stand, wurde das Interview gesendet: Kritik kam auf, Köhler trat zurück. Ob sie dies hätte verhindern können, wenn sie beim Interview bereits dabei gewesen wäre, will Diroll nicht sagen. Fest steht jedoch, dass sie sowohl das journalistische als auch politische Geschäft hervorragend kennt. Vor ihrem Wechsel ins Bundespräsidialamt hat Diroll fast 20 Jahre als bundespolitische Korrespondentin, Redakteurin und Moderatorin für den Bayerischen Rundfunk und andere Sender der ARD gearbeitet. Sieben Jahre war sie Vorstandsmitglied der Bundespressekonferenz, des Vereins der Parlamentsjournalisten.

Fast alle Sprecher von Spitzenpolitikern haben vorher als Journalisten gearbeitet. Sie kennen den Alltag in den Redaktionen und der Bundespressekonferenz, sind deshalb darauf gefasst, dass ihre Ex-Kollegen nach dem Seitenwechsel stets versuchen werden, mehr aus ihnen herauszulocken, als sie sagen dürfen. „Die Kunst eines Sprechers ist, nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig zu sagen. Auf keinen Fall darf er Spekulationen Nahrung geben, sondern muss sich an die Fakten halten“, sagt Steg, „vor allem aber darf er nicht vorauseilen, denn nicht er macht die Politik, sondern der, für den er spricht.“

Diese Kunst beherrscht Ulrich Wilhelm, seit 2005 Regierungssprecher und Chef des Bundespresseamtes unter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Stegs Ex-Kollege, perfekt. Er gilt als enger Vertrauter Merkels. Während Sprecher von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) Schwierigkeiten hatten, an ihren Kanzler heranzukommen, wertete Merkel das Amt des Sprechers wieder auf. Auch, weil sie aus eigener Erfahrung als Sprecherin der ersten frei gewählten DDR-Regierung 1990 weiß, wie wichtig eine gute Zusammenarbeit mit den Sprechern für den Erfolg der Regierung ist. „Die Bundeskanzlerin hält jeden Tag Kontakt mit ihren Sprechern“, sagt Steg. Journalisten wissen zu schätzen, dass Wilhelm das Ohr der Kanzlerin hat, ihnen gegenüber freundlich auftritt und sich ideologischer Zuspitzungen enthält.

Doch lange wird Wilhelm nicht mehr an Merkels Seite sein. Er geht zurück nach München und wird Intendant des Bayerischen Rundfunks, wo er schon vor seinem Wechsel in die Politik gearbeitet hat. Seinen Nachfolger zu bestimmen wird eine der wichtigsten Personalentscheidungen sein, die Merkel zu treffen hat, sobald der neue Bundespräsident bestimmt ist.

Da der neue Präsident wohl aus der aktiven Politik kommt, dürfte er jemanden zum Sprecher machen, mit dem er seit Jahren zusammenarbeitet – und sich im Zweifel auch ohne Worte versteht. Vorerst aber hält Petra Diroll die Stellung.

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