Medien : Im Schatten der Revolution

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Von Iris Ockenfels

Gerade erst hat sie den Fall angenommen, da ist sie ihn schon wieder los: Tatort-Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) wird in ihrem achten Einsatz („Tatort: Schatten“, heute 20 Uhr 15 im Ersten) mit der eigenen bewegten Vergangenheit in den siebziger Jahren konfrontiert: Ein Enthüllungsjournalist, der tot aufgefunden wird, war früher Mitglied einer revolutionären Gruppe aus der linken Szene – einer Clique, zu der auch die Kommissarin gehörte. Spätestens da hören jedoch die Parallelen zu Joschka Fischers Frankfurter Vergangenheit auf, denn bei einer Aktion der Lürsen-Gruppe wurde ein Wachmann getötet. Offenbar hatte der Reporter einige aus der Clique mit dem Mord zu erpressen versucht und musste sterben.

Statt am Tatort zu recherchieren, sitzt die zwangsbeurlaubte Kommissarin nun auf der Anklagebank – und muss sich gegen den Vorwurf wehren, früher Mitglied einer terroristischen Vereinigung gewesen zu sein. Mit Hilfe des etwas widerwilligen Kollegen Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) ermittelt Lürsen heimlich weiter und versucht, den alten und den neuen Mord aufzuklären. Sie befragt die ehemaligen Weggefährten und hat große Mühe, die professionelle Distanz zu den einstigen Freunden aufrechtzuerhalten.

Im Radio-Bremen-Tatort geht die Kommissarin, die seit 1997 ein- bis zweimal im Jahr zum Einsatz kommt, auf eine Reise in die Vergangenheit: Lürsen sitzt nächtens in ihrer Wohnung, betrinkt sich zu den stumm flackernden Bildern alter Super-8-Filme von rauschenden Revoluzzer-Partys und kifft mit der ehemaligen Clique aus Che-Guevara-Zeiten. Glücklicherweise erschöpft sich da schon die Hippie-Romantik. Die Treffen, zu denen die Kommissarin die Clique lädt, offenbaren vor allem, wie weit sich die Mitglieder von ihren Jugendträumen entfernt haben. Die meisten gehören inzwischen zum Establishment. „Mein Gott, waren wir naiv“, seufzt Lürsen einmal wehmütig.

So ganz nebenbei verschafft der ungewöhnliche Fall dem Tatort-Duo Lürsen-Stedefreund mehr Profil: Stedefreund muss nicht nur für die Chefin den Kopf hinhalten, sondern die emotional stark involvierte Tatort-Kommissarin auch regelmäßig vom Trip in die Siebziger zurück in die Gegenwart holen. Dafür darf er sie schließlich „Inga“ nennen.

Autor und Regisseur Thorsten Näter ist es gelungen, die mangelhafte Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Vergangenheit am Beispiel der kleinen Clique aufzuzeigen, ohne sich dabei zu verzetteln. Der Film, der mit Peter Sattmann, Dominique Horwitz und Dieter Pfaff erstklassig besetzt ist, bleibt seinem Genre treu und ist trotzdem ein wenig mehr als ein Krimi.

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