Medien : Im Schatten des Vorgängers

Gruner + Jahr plant neue Magazine, Bertelsmann nimmt Stellung zu Schulte-Hillen

Ulrike Simon

Das meistdiskutierte Thema kam, wie so oft, ganz am Schluss zur Sprache, und das auch erst, als die Journalisten auf eine Stellungnahme drangen. Die Frage, die am Donnerstag bei der Jahrespressekonferenz des Bertelsmann-Tochterverlags Gruner + Jahr (G + J) im Raum stand, lautete: Muss Gerd Schulte-Hillen, 62, ein verdienter Manager von Bertelsmann, Deutschlands größtem und internationalstem Medienunternehmen, im Streit mit Liz Mohn, der Gattin des Konzernpatriarchen Reinhard Mohn, den Hut nehmen, oder schmeißt er den Bettel selbst hin? Schulte-Hillen ist Aufsichtsratsvorsitzender sowohl von Bertelsmann als auch von G + J. Und er sorgte in den vergangenen Wochen für Aufsehen: Weil er nicht nur intern deutlich gemacht hatte, dass er es nicht für gut hält, wenn bei Bertelsmann die Eigentümerfamilie einen zu großen Einfluss auf das Unternehmen erhält. Schulte-Hillen machte seinen Unmut dann auch noch in einem Interview öffentlich. Seither ist die Rede davon, er stünde vor seiner Entmachtung.

Am Dienstag sagte Bertelsmann- Vorstandschef Gunter Thielen in Berlin, es stünden keine Veränderungen an, „zumindest gibt es keine Aktivitäten von Seiten Bertelsmanns“. Hinterher hieß es dann, was hätte Thielen auch sagen sollen, er könne ja schließlich nicht für die Eigentümer sprechen, er sei ja nur Vorstandschef. Am Donnerstag, bei der Jahrespressekonferenz von G + J in Hamburg, antwortete Vorstandschef Bernd Kundrun auf die erneute Frage nach Schulte-Hillens Abgang, indem er eine Erklärung der Bertelsmann AG vorlas, die „am Nachmittag rausgehen wird“. Darin heißt es:

Gerd Schulte-Hillen wurde ab 1. November 2000 für fünf Jahre in den Aufsichtsrat der Gruner + Jahr AG berufen und dort zum Vorsitzenden bestellt. Im März 2002 hat Gerd Schulte- Hillen im Rahmen der damaligen Diskussion über einen eventuellen Börsengang der Bertelsmann AG angeboten, sein Aufsichtsratsmandat bei G + J unter dem Gesichtspunkt vorbildlicher Corporate Governance (Vermeidung von Doppelmandat bei Mutter- und Tochtergesellschaft) zur Verfügung zu stellen. Hierüber werden Gerd Schulte-Hillen und Gunter Thielen in Abstimmung mit den Gesellschaftern von G + J zum gegebenen Zeitpunkt entscheiden. Gerd Schulte-Hillen ist ebenfalls Vorsitzender des Aufsichtsrats der Bertelsmann AG.

Im druckfrischen Geschäftsbericht von Bertelsmann heißt es zudem: Die Amtszeiten der Aufsichtsratsmitglieder wurden bei Bertelsmann auf drei Jahre verkürzt, mehr als zweimal darf ein Mitglied nicht wiedergewählt werden.

Ein Sprecher riet zum besseren Verständnis der Erklärung: „Vergessen Sie alles, was in den vergangenen Wochen war“, sprich: die gesamte Diskussion über Reinhard Mohns Diskreditierung des Managements, die öffentliche Diskussion um einen matriarchalisch geführten Bertelsmann-Konzern, alles. Das fällt schwer, auch wenn Thielen jetzt einiges zu reparieren versuchte, indem er das Management-Team lobpreist und von der strikten Trennung zwischen Kapital und operativer Führung spricht.

Fakt ist, dass die Altgesellschafter, also Mohn und die Familie, nicht an einem Börsengang interessiert sind. Zudem, erinnerte Thielen am Dienstag, habe Bertelsmann 2005 ein Rückkaufrecht für die Anteile des Mitgesellschafters Groupe Bruxelles Lambert – falls der mit seinem 25-Prozent-Paket an die Börse gehen wolle.

Die Frage, ob und wann Schulte-Hillen auf den G+J-Aufsichtsratsvorsitz verzichtet, um den Platz für den von Liz Mohn favorisierten Thielen zu räumen, bleibt weiter im Raum, auch nach der Erklärung von Dienstag.

Im Schatten dieser Diskussion bilanzierte Bernd Kundrun, der Schulte-Hillen vor zwei Jahren als Vorstandschef bei G+J gefolgt war, das abgelaufene Geschäftsjahr des mehr als andere von Anzeigen abhängigen Verlags. G+J, Europas größter Zeitschriftenverlag, ist in Deutschland seit vielen Jahren Anzeigenmarktführer. Einsparungen, Verkäufe, Personalabbau, Wachstum im Ausland sowie die Überarbeitung, Gründung und Einstellung von Magazinen führten 2002 zu einer Verdoppelung des Gewinns (EBITA) auf 234 Millionen Euro, zu einem Umsatzrückgang auf 2,8 Milliarden Euro und einer Umsatzrendite von 8,3 Prozent. Die verlegerischen Investitionen, die im vergangenen Jahr 40 Millionen Euro betrugen, sollen 2003 deutlich steigen und in die Zeitschriften fließen. Kundrun erhofft sich davon einen ähnlichen Schub wie in den USA. Mitten in der dortigen Wirtschaftskrise hatte G+J sämtliche Zeitschriften überarbeitet und erntet nun die Früchte: mehr Anzeigen, Auflage und Erlöse. Geplant sind Ableger von bestehenden Zeitschriftenmarken, so wie die neue „Brigitte Kultur“ (siehe nebenstehenden Artikel). Beispielsweise bastelt G+J in München an einem Jugendmagazin und akquiriert bereits Anzeigen. Zeitschriftenvorstand Rolf Wickmann schließt nicht aus, dass das Jugendmagazin unter dem Dach des „Stern“ noch „in der ersten Jahreshälfte“ mit einer ersten Ausgabe erscheint. Tatsächlich ist die Rede von Juni.

Überhaupt ist Wickmann überaus angetan von der aktuellen Situation des „Stern“, der dank neuer Herstellungsmethoden in dieser Woche aufgrund des Irak-Kriegs bereits am Montag und dann erneut am Donnerstag mit einer zum Teil aktualisierten Ausgabe erschien. Allerdings leidet das Blatt wie alle aktuellen Magazine unter kriegsbedingten Anzeigenstornierungen, die den Rückgang des Anzeigenumsatzes um zehn Prozent im ersten Quartal verstärken. Im Nachbarland Österreich plädiert G+J für eine stärkere Unterscheidung der nun gemeinsam in einem Verlag erscheinenden Magazine „Profil“ und „Format“. Die beiden Hefte sollen nicht im selben Markt konkurrieren. Während „Profil“ also weiterhin als Nachrichtenmagazin, dem „Spiegel“ vergleichbar, erscheinen soll, könnte sich „Format“ zum Wirtschaftsmagazin wandeln.

Zum Zeitungsgeschäft sagte der zuständige Vorstand Achim Twardy, der Verkauf aller Zeitungsaktivitäten (Ausnahme: „Financial Times Deutschland“) sei weiterhin beabsichtigt, zurzeit aber nicht realisierbar. Nach dem Verkauf des Berliner Verlags inklusive „Berliner Zeitung“ an die Verlagsgruppe Holtzbrinck, zu der der Tagesspiegel gehört, erscheinen bei G+J nur noch die „Sächsische Zeitung“, die „Dresdner Morgenpost“ und die „Chemnitzer Morgenpost“.

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