Medien : Im Trainingsanzug

Die Marler Tage der Medienkultur und der Fußball

Thomas Gehringer

Was sind die Schicksalsfragen der Nation? Die Gesundheitsreform? Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit? Die Rettung der Schulen? Mag sein, aber gemessen am Erregungszustand der Medien hatte folgende Frage bis gestern mindestens denselben Stellenwert: Oliver Kahn oder Jens Lehmann – wer steht während der Fußball-WM im Tor der deutschen Nationalmannschaft? Die Medien lieben Duelle, und dieses wird sie wohl auch nach der Entscheidung für Lehmann noch eine Weile beschäftigen. „Es ist wie ein großer Boxkampf, und wir sind die Voyeure und wollen Blut sehen“, sagte Werner Hansch, der als Kommentator von der Champions League (Sat 1) in die Bundesliga (Arena) wechseln wird, am Freitag in Marl.

Dort bat das Grimme-Institut bei seinen jährlich stattfindenden Tagen der Medienkultur zu einer Debatte mit dem etwas rätselhaften Thema „ToppKick – Die (Lust-)Angst des Fernsehens vor dem Fußball“. Egal, Fußball geht im WM-Jahr immer gut, und könnte es einen besseren Ort geben, um die erhitzten Gemüter abzukühlen, als die nüchterne Ruhrgebiets-Stadt Marl? Auch wenn das Duell Kahn/Lehmann nun entschieden ist: Vermutlich ist es für eine Abkühlung längst zu spät. „Mir graut auch etwas vor der WM“, bekannte Borussia Dortmunds Präsident Reinhard Rauball. Und Filmregisseur Sönke Wortmann prophezeite: „Wenn diese WM vorbei ist, werden alle ganz froh sein.“

Möglicherweise werden die Medien daran nicht ganz unbeteiligt sein. Denn die Welt ist zu Gast bei Freunden, aber nicht unbedingt bei Experten. „Jemand wie Jürgen Klopp ist die absolute Ausnahme“, findet Medienkritiker René Martens. „Im deutschen Fernsehen regieren die Schwafler“, behauptete Martens und ließ ein Interview-Ausschnitt mit Franz Beckenbauer einspielen.

Das Fernsehen will vor allem eines: ganz nahe am Geschehen sein, live und „mittendrin“, wie es einst das DSF propagierte. Insofern hat Sönke Wortmann Recht, der sich augenzwinkernd als den „meistbeneideten Mann im deutschen Sportjournalismus“ bezeichnete. Der Filmregisseur („Das Wunder von Bern“) darf den Nationalspielern bei der WM mit seiner Kamera auch in die Umkleidekabine folgen, um einen Dokumentarfilm zu drehen. Damit seine Anwesenheit möglichst wenig auffällt, trägt er einen Trainingsanzug wie die anderen Betreuer. Nun ist Ex-Fußballer Wortmann eigentlich Spielfilm-Regisseur, aber im Lager der Sportjournalisten ist es über die Frage der Distanz zu den Objekten ihrer Berichterstattung zu einem kräftigen Streit gekommen, der sich auch in Marl fortsetzte. Auf das Lob für die Enthüllungsstorys über Borussia Dortmund reagierte „Kicker“-Chefredakteur Rainer Holzschuh beinahe entschuldigend, man habe nur ausnahmsweise mal investigativ gearbeitet, weil dies „dem Fußball diente“. Sportjournalisten sitzen mit Fußballern in einem Boot – wegen dieser weit verbreiteten Auffassung sind einige Kollegen jüngst aus dem Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS) ausgetreten und haben eine alternative Organisation gegründet. Ihre Kritik bezog sich allerdings vor allem auf das Fernsehen, das viel Geld für Übertragungsrechte von Veranstaltungen ausgibt, die sie hinterher schlechterdings gut finden müssen.

Aber das Fernsehen will auch der Fan-Szene näher kommen. Der neue Pay-TV-Kanal Arena will als Option einen Kanal anbieten, in dem ausgewählte Fans die Spiele ihrer Mannschaft kommentieren. „Da sind gute Typen dabei, das kann sehr unterhaltsam sein“, sagte Arena-Chefredakteur Albrecht Schmitt- Fleckenstein.

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