Im TV : Liebe und Untergang

Das Arte-Drama „Die kommenden Tage“ erzählt von Beziehungen im Jahr 2020. Für diesen Film nimmt man auch einige Ungereimtheiten in Kauf.

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Liebe in Krisenzeiten: Konstantin (August Diehl) und seine Freundin Cecilia (Johanna Wokalek). Foto: Arte
Liebe in Krisenzeiten: Konstantin (August Diehl) und seine Freundin Cecilia (Johanna Wokalek). Foto: ArteFoto: © Badlands Film

Laura (Bernadette Heerwagen) liebt Hans (Daniel Brühl), einen Juristen, der lieber Vögel beobachtet, als moralisch zweifelhafte Mandanten zu vertreten. Doch der Traum von der gemeinsamen Familie lässt sich nicht verwirklichen. Laura braucht einige Jahre, um zu begreifen, was für sie wirklich zählt.

Ihre abenteuerlustige jüngere Schwester Cecilia (Johanna Wokalek) liebt Konstantin (August Diehl), unter dessen nervösem Äußeren sie das Unwägbare wittert. Sie lässt sich von ihm in die Terrorszene einschleusen, in der sie eigentlich gar nichts verloren hat. Als Konstantin nach Paris geht, ist sie auf sich gestellt und erstarrt zusehends zu einer schönen, leblosen Maske.

Im Kinofilm „Die kommenden Tage“ geht es um Liebe, Verrat und Loyalität. Großartig, wie Lars Kraume (Buch und Regie) die Charaktere sich entwickeln lässt, wie er jede einzelne Szene nutzt, um das Beziehungsgeflecht zu zeigen, das eine Familie verbindet. Lauras und Cecilias jüngerer Bruder Philip (Vincent Redetzki) leidet schwer unter den Ehestreitigkeiten seiner Eltern (Susanne Lothar und Ernst Stötzner). Der Zuschauer windet sich förmlich, wenn die unterschwelligen Spannungen in den Familienszenen auf die Explosion zusteuern.

Die Darsteller sind herausragend; vor allem Johanna Wokalek verkörpert atemberaubend die Verwandlung der verspielten Studentin Cecilia in eine zutiefst verletzte Frau, der schließlich alles egal ist. Kraume ist ein Regisseur, der unglaublich aufs Detail achtet. Wenn Laura und ihre Mutter nebeneinander sitzen und endlich doch eine Verbindung finden, sagt der weiche Goldton von Lauras Haaren im Vergleich zu der stumpf gefärbten Frisur ihrer Mutter viel über die Lebendigkeit der einen und die mühsam gewahrte Fassung der anderen aus.

Gerade weil das Beziehungsdrama in „Die kommenden Tage“ so spannend ist, versteht man nicht recht, wozu Kraume das alles in eine Anti-Utopie packen musste. Eine Ölkrise in Saudi-Arabien hat den vierten Golfkrieg ausgelöst, eine Mauer trennt den Norden Europas vom Süden. In Berlin okkupieren Terroristen das Internet, die Autobahnen sind leer, weil es kein Benzin gibt.

Das könnte interessant sein, doch Kraume biegt sich sein Zukunftsszenario zurecht, um die Beziehungen zuzuspitzen. Hans, der die Realität nicht ertragen kann, erblindet langsam und verschanzt sich in seiner Alpenhütte. So weit, so gut – doch die Afrikaner, die im Hintergrund auf den gelobten Norden zustapfen, wirken wie eine Komparsentruppe aus einem Monty-Python-Film. Man nimmt es in Kauf, um dem Regisseur und seinem Ensemble zuzusehen. Susanna Nieder

„Die kommenden Tage“, Arte, 22 Uhr

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