Medien : Im Witz liegt die Wahrheit

CNNs „Daily Show“ parodiert Nachrichten und wird als Infoquelle ernst genommen

Johanna Rüdiger

Jon Stewart ist einer der witzigsten Amerikaner – und der politisch einflussreichste Nachrichtenmoderator im US-Fernsehen. Das haben zumindest zwei US-Magazine ermittelt. So landete Jon Stewart mit seiner Satire-Nachrichtensendung „The Daily Show“ bei der TV-Zeitschrift „Entertainment Weekly“ im März auf Listenplatz zwei der „25 witzigsten Amerikaner“. Damit ließ Stewart Late-Night-Ikone David Letterman abgeschlagen auf Platz elf zurück. Gleichzeitig wählte das konservative Nachrichtenmagazin „Newsday“ Stewart zum politisch einflussreichsten Anchor. In diesem Rennen stach der 41-Jährige berühmte Moderatoren der US-Abendnachrichten wie Dan Rather und Tom Brokow aus.

Jon Stewarts Satire-Show ist einer echten Nachrichtensendung so ähnlich, dass CNN seine Zuschauer extra mit einem Vorspann warnt. „Dies ist nur die Parodie einer Nachrichtensendung, die Reporter sind keine echten Journalisten“, heißt es da. Doch in den USA nutzen viele Zuschauer Stewarts Sendung als Informationsquelle. So fand eine repräsentative Studie heraus, dass über zwanzig Prozent der jungen Amerikaner ihre Informationen aus der „Daily Show“ beziehen würden. Ein Phänomen, das sich auch an den Quoten ablesen lässt: So erzielt die „Daily Show“ Rekorde an Tagen wichtiger politischer Ereignisse wie beispielsweise den demokratischen Vorwahlen oder Präsident George W. Bushs „State of the Union“-Ansprache.

Konzipiert ist die „Daily Show“ wie eine ganz normale Nachrichtensendung im US- Fernsehen: Gezeigt werden die aktuellen Bilder und O-Töne des Tages, die Stewart von seinem Newsdesk an- und abmoderiert. Und für wichtige Ereignisse schaltet er live zu den Korrespondenten vor Ort. Nur stehen die Korrespondenten vor einem Blue Screen, und Stewart sagt, was andere Moderatoren nicht zu sagen wagen. Dafür wird er von seinem Studiopublikum mit Lachern und Applaus belohnt. Dabei setzt Stewart statt auf sinnlosen Klamauk à la RTL-„Freitag Nacht News“ auf kritische Satire . Die Berichterstattung über den Präsidentschaftswahlkampf ist Stewarts Spezialgebiet: Für die „Indecision 2000“, wie das Bush-Gore-Rennen frei nach den aufgeregten Slogans der TV-Sender wie „Decision 2000“ oder „Race for the White House“ bei der letzten Präsidentenwahl genannt wurde, gewann Stewart einen Emmy. Sozusagen seinen Ritterschlag erhielt Stewart, als der demokratische Senator John Edwards in der „Daily Show“ seine Präsidentschaftskandidatur ankündigte.

Trotz dieser Nachrichtenkompetenz hat die „Daily Show“ auch ein typisches Late- Night-Segment, in dem Stewart einen prominenten Gast, wie beispielsweise Samuel L. Jackson, Charlize Theron oder Heidi Klum empfängt. Doch diese Talkshow-Elemente sind nicht das Herzstück der Sendung, und meist weigert sich Jon Stewart, dem üblichen Schema zu folgen und Werbung für den neuesten Film oder die neuste CD der Stars zu machen. Der Schauspieler Tom Hanks brachte zur Begrüßung die Sache auf den Punkt: „Ihr braucht doch keine Gäste hier, das ist die Daily Show – ihr könnt über wichtige Sachen reden und müsst diesen Prominenten- Quatsch nicht mitmachen.“

Ihre Popularität verdankt die „Daily Show“ nicht nur dem jungen Publikum, das gern lacht, während es sich informiert. Der Erfolg der Sendung repräsentiert auch einen Trend im amerikanischen TV-Journalismus: Weg von dem Gebot der Objektivität, hin zum Meinungsjournalismus. Denn viele Amerikaner wollen nicht mehr ungefilterte, neutrale Berichterstattung, sondern Sendungen ihres Vertrauens, die die Themen des Tages erklären und einordnen, indem sie die passende Meinung gleich mitliefern. So entwickelte sich der extrem konservative Bill O’Reilly mit seiner Sendung „The O’Reilly Factor“ zum Publikumsliebling und beschert dem ebenfalls konservativen Murdoch-Nachrichtenkanal Fox News regelmäßig Rekordquoten. O’Reilly erklärt den Zuschauern die Welt aus seiner Sicht und schlägt sich dabei eindeutig auf die Seite der Bush-Regierung. Jon Stewart dagegen liefert mit seinen oft Bush-kritischen Kommentaren den liberalen Gegensatz. Gleichzeitig macht Stewart sich über die lückenlose Berichterstattung der Nachrichtensender lustig: „Bevor es die 24-Stunden-Sender gab, ist nie irgendetwas passiert."

Wer die Witze der „Daily Show“ verstehen will, muss über die politischen Hintergründe bereits informiert sein, denn erklärt wird wenig. Für Nachrichten-Muffel hat daher der Journalist Stephan Lee Abhilfe geschaffen: Auf seiner Webseite „FootnoteTV“ werden jede Woche die Hintergründe zu den Kommentaren der „Daily Show“ erklärt, für all diejenigen, denen das nötige Vorwissen fehlt. „Wie viele Amerikaner informiere ich mich über tagesaktuelle Ereignisse durch TV-Serien oder Jon Stewart – das müssen Journalisten akzeptieren und sich darauf einstellen“, sagt Lee.

In Deutschland läuft „The Daily Show“ als „Global Edition“, eine Zusammenfassung von jeweils vier Sendungen. „Global Edition“ hat nach CNN-Angaben bereits eine treue Fangemeinde. Kritische Kommentare gäbe es nur, wenn die „Daily Show“ ausfalle – wegen „breaking news“.

„The Daily Show with Jon Stewart: Global Edition“ wird jeweils in der Nacht von Freitag auf Samstag und in der Nacht von Samstag auf Sonntag um 1 Uhr 30 auf CNN International ausgestrahlt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben