Medien : Im Zeichen der Cognacbohne

Tom Peuckert

Wenn der Kummer allzu groß wird, ist Dada die beste Hausmedizin. Das jedenfalls glaubte Doktor Richard Huelsenbeck, studierter Psychiater und vor neunzig Jahren führender Kopf der Berliner Dada-Bewegung. Dada hieß, die Dinge auf ihre traurige Spitze treiben, damit man über sie lachen kann. Dada meinte, dass von jeder Behauptung auch das absolute Gegenteil behauptet werden kann. In diesem Sinne war Huelsenbeck ein früher Prophet der Postmoderne und ihres Anything goes. Als der dichtende Mediziner Mitte der Siebzigerjahre starb, fand man eine Fülle experimenteller Tonbänder und Manuskripte in seinem Nachlass. Aus dem Material haben Regina Moths und Herbert Kapfer ein wunderbar exzentrisches Hörspiel gemacht. „Dr. Huelsenbecks mentale Heilmethode“ bringt noch einmal die Stimme des Meisters und seinen quicklebendigen Dada-Geist in die häusliche Radioklause (SWR 2, 2. Februar, 21 Uhr 03, Kabel UKW 107,85 MHz).

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Der Dokumentarfilmer Andreas Veiel ist tief in die Uckermark gefahren. In das Dörfchen Potzlow, dessen trauriger Ruhm sich der Gewalt verdankt. Ein 16-Jähriger wird zu Tode geprügelt, die Täter haben das gleiche Alter, der Anlass ist nichtig. Veiel hat in Potzlow mit vielen gesprochen. Mit Jugendlichen und mit denen, die sich um Jugendliche kümmern sollen. Mit den Tätern und mit Angehörigen des Opfers. Aus dem dokumentarischen Material ist nun auch ein Hörspiel geworden. Wer in das dunkle Herz der Uckermark hinabsteigen möchte, dem sei Veiels Recherche „Der Kick“ empfohlen (Kulturradio, 3. Februar, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Beim Deutschlandradio laufen die Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag der Rias- Gründung. Der Rias als munterste Stimme des alten West-Berlin und als Hauptfeind der Kalten Krieger im Osten. Eine schöne Heldenlegende, die in Schanett Rillers Feature „Kalter Krieg und Cognacbohnen“ mit manch bizarrem Detail ausgeschmückt wird. Der Rias muss weg, soll Stasi-Chef Mielke früher oft gewettert haben. Anfang der Fünfzigerjahre plante man bei der Stasi die „Aktion Enten“, mit der das Feindradio zum Schweigen gebracht werden sollte. Die Stasi vergiftete Cognacbohnen und wählte einen braven sächsischen Kleinbürger als ahnungslosen Überbringer. Warum der Rias trotzdem überlebte, wie es dem Beinahe-Mörder erging und was das alles mit einem Hund namens Hannibal zu tun hatte, erfahren Sie in Schanett Rillers spannender Geschichtslektion (Deutschlandradio Kultur, 4. Februar, 18 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

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Es gab eine Zeit, da waren präzise Landkarten mehr wert als Gold. Mit ihrer Hilfe fand man den Weg zu noch ungehobenen Schätzen dieser Erde, zu Kontinenten und Kulturen, die der Ausbeutung harrten. In seinem ebenso informativen wie unterhaltsamen Feature „Vermessene Welten“ erzählt Jürgen M. Thie die lange, abenteuerliche Geschichte der Kartografie. (Deutschlandfunk, 5. Februar, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

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Die Welt ein unaufhörlicher Fluss, das war bereits in der Antike philosophisches Thema. Trotzdem scheint gerade heute unser Leben in ein immer rasanteres Rutschen und Fließen zu geraten. Alles wandelt sich, wer sich nicht selber freudig wandelt, stürzt ins soziale Nichts. Barbara Zillermanns Feature „Veränderung als Dogma oder: Wie behalte ich den Kopf oben?“ versucht ein bisschen Ordnung in die bedrängende Unstetigkeit unseres Lebens zu bringen. Brauchen wir trotzdem noch so etwas wie einen roten Faden? Einen wandlungsresistenten Kern, der uns hilft, die Zumutungen des Wandels einigermaßen unbeschädigt zu überstehen? Zillermann hat sich bei Wandlungsexperten aller Coleur erkundigt (Deutschlandradio Kultur, 6. Februar, 19 Uhr 30).

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