Medien : Im Zeichen der Eule

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Von Hermann Rudolph

125 Jahre sind eine respektable Zeit, aber dass es an diesem Sonntag so lange her ist, dass der Papiergroßhändler und Kommunalpolitiker Leopold Ullstein in Berlin eine Tageszeitung kaufte, müsste die Öffentlichkeit nicht unbedingt bewegen. Wenn diese Verlagsgründung nicht – das ist die eine Rechtfertigung, sozusagen die unternehmensgeschichtliche – eine Zeitungstradition begründet hätte, die mit Berliner Blättern wie „B.Z.“, „B.Z. am Sonntag“ und „Berliner Morgenpost“ bis in unsere Tage reichte. Und wenn mit Ullsteins Schritt nicht eine Mediengeschichte begonnen hätte, die dazu beitrug, dass Berlin für ein paar Jahrzehnte zum Mittelpunkt des deutschen Zeitungs- und Verlagswesen wurde. Denn in dieser Zeit, sagen wir: zwischen Reichsgründung und Reichsende, wurde hier erfunden, was als Zeitung und Zeitschrift, als Buch und Design Epoche machte.

Mag sein, dass sich der Axel Springer Verlag, der als Ullstein-Erbe dieses Jubiläum begeht, darüber nicht im Klaren war. Doch er hat Christoph Stölzl die Gelegenheit zu einer Trouvaille gegeben: dem Ullstein-Geist („Presse und Verlagsgeschichte im Zeichen der Eule“, Festschrift, Axel Springer Verlag AG 2002). Das ist mehr als ein familiäres Verlags-Gespenst, das noch an der Kochstraße umgeht. Es ist die Mischung aus Bürgerlichkeit, Geschäftssinn und der „unbändigen Neugier auf alles neu zu Denkende, neu zu Unternehmende“, die Stölzl im Ullstein-Clan ausgemacht hat. Das ist in der Tat der Motor der großen, vorwärtstreibenden Erneuerungen des Mediengewerbes, die die Ullsteins in ihren großen Jahrzehnten betrieben haben. Es ist nicht der zeitweilige Feuilletonchef im Hause Springer, sondern der Kulturhistoriker Stölzl, der dem 125-Jahre-Jubiläum die prinzipielle Ebene einzieht. Er bringt das Wirken der Ullsteins auf den Nenner der Erfindung einer „Kulturindustrie aus dem Geiste der sozial-kulturellen Transzendenz". Das klingt etwas akademisch, aber es trifft vieles von dem, was die Leistung der Ullsteins charakterisierte: die Verbindung von Hoch- und Massenkultur, die neuen Zeitungs- und Zeitschriften-Formen, die liberale Haltung. Ein Biotop aus Geschäft, Kultur und Persönlichkeiten hat in seiner Zeit, so Stölzls faszinierender Fund, als „Katalysator gesellschaftlicher Modernisierung“ gewirkt.

Die Ergebnisse dieser Anstrengungen lässt die Festschrift Revue passieren. Die Geschichte einer eindrucksvollen Familie wird von drei Urenkeln des Gründers erzählt, ihr Aufstieg und der durch das Dritte Reich erzwungene Übergang in private Schicksale. Die medialen Innovationen der Ullsteins werden vorgestellt – bei der Boulevardpresse, den Wochenzeitungen, der „Berliner Illustrirten Zeitung“ als Prototyp des Bildjournalismus, den Zeitschriften. Das ist ein staunenswertes Kapitel von Kreativität, das dem Zeitgeist Form und Ausdruck gibt, manchmal weit in die Zukunft weisend. Es ist wirklich etwas daran, dass – wie der „New Yorker“-Fan Stölzl suggeriert – der legendäre „Querschnitt“ an die Dimension des bewunderten Magazins heranreichte und der Ullstein-Geist auch die amerikanische Medienwelt befruchtete. Es gereicht der Schrift zur Ehre, dass sie die nationalsozialistische Vereinnahmung des Verlags im Dritten Reich nicht ausspart – einschließlich der beschämenden Züge, des Schicksals jüdischer Mitarbeiter und der Beschäftigung von Zwangsarbeitern.

So faszinierend ist die Nachkriegszeit nicht. Es ist die Geschichte des Übergangs des Ullstein-Verlags in die Hände des Springer-Verlags. Die Festschrift druckt das Dokument ab, das eine weichenstellende Rolle spielte: das Gutachten des Presseoffiziers Peter de Mendelssohn, das begründete, weshalb nicht Heinz Ullstein die erste amerikanische Lizenz für eine Zeitung in Berlin bekam, sondern eine Gruppe um Erik Reger. So wurde der Tagesspiegel die erste freie Zeitung in Berlin. Erst sieben Jahre später, 1952, gelang es Ullstein, mit der Wiedergründung der „Morgenpost“ an die alte Zeitungstradition anzuknüpfen.

Als 1977 „Hundert Jahre Ullstein“ anstanden, war die Festschrift drei Bände stark. Deshalb diesmal eine schmale Festschrift. Sie enthält – was für den Zeitungsmarkt Berlin wichtig ist – das Bekenntnis des Springer-Verlags zum Ullstein-Verlag als seinem Berliner Fundament, ausgesprochen vom Vorstandsvorsitzenden Döpfner. Und sie transportiert die Überzeugung, dass das Zeitungswesen nicht nur Stoff für Kulturkritik gibt, sondern dass es auch, gerät es nur in die richtigen Hände, „als Vehikel der Demokratisierung, der Liberalisierung und der Zivilisierung dienen“ kann.

Das wollen wir gerne glauben.

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