Medien : In den Gassen von Lübeck

Thomas Eckert

Es ist höchste Mann-Zeit. Gerade hat das Buddenbrook-Haus in Lübeck den Museumspreis des Europarates für seine Verdienste um das Verständnis des europäischen Kulturerbes und für die Gestaltung der Dauerausstellungen "Die Manns - eine Schriftstellerfamilie" und "Die Buddenbrooks - ein Jahrhundertroman" erhalten. Und heute startet im Ersten (um 20 Uhr 15) der Dreiteiler von Heinrich Breloer über die Manns aus Lübeck mit Armin Mueller-Stahl in der Rolle von Thomas Mann, halb Spiel-, halb Dokumentarfilm.

Angefangen hat alles in Lübeck. Weiß und jungfräulich erstrahlt das Buddenbrook-Haus in der vorweihnachtlichen Hansestadt, gegenüber dem Haus mit dem gotischen Giebel ein kleiner Markt, auf den Straßen riecht es nach Glühwein. Gerade 18 Monate ist es her, dass das Heinrich-und Thomas-Mann-Zentrum nach einer umfassenden Renovierung wieder eröffnet wurde.

In der Belétage des ehemaligen Patrizierhauses, in dem die Großeltern der Brüder Heinrich und Thomas Mann wohnten, vermitteln Rauminszenierungen im Landschafts- und im Götterzimmer einen ungefähren Eindruck: So könnte es ausgesehen haben, bei den "Buddenbrooks". Im selben Stockwerk hat man die Bibliothek eingerichtet, ein abgeschirmter Raum mit Lichtdurchlässen, außen braunes Holz, innen Bücher, Schreibtische, Computer und: Stille.

Petra Schotte ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Buddenbrook-Haus. Seit einem knappen Jahr arbeitet die ausgewiesene Mann-Kennerin hier in den Räumen, in denen Armin Mueller-Stahl Thomas Mann war. Und natürlich hat sie wie fast alle ihrer Kollegen die drei Folgen der Mann-Saga auf Arte verfolgt. Nichts als das leise Murmeln der Besucher in den unteren Etagen dringt in das Rechteck der Bibliothek.

Was sagt die Mann-Forscherin zum TV-Epos? "Keine Überraschungen aus wissenschaftlicher Sicht. Keine neuen Fakten. Aber ein paar interessante Entdeckungen am Rande." Zum Beispiel die, dass Hilde Kahn-Reach, die langjährige Sekretärin von Thomas Mann, die viele seiner Manuskripte ins Reine tippte, in den Dichterfürsten verliebt war. Oder dass Thomas Mann in den Kellner Franz Westermeier verliebt war. Der bediente bei der Feier zu Manns 75. Geburtstag im Züricher Hotel "Dolder", war aber in eine junge Frau verliebt.

Randerscheinungen, sicher, nicht wirklich bedeutend für das literarische Werk. Aber dennoch wichtig. Und erhellend, selbst für die Wissenschaftlerin, "weil diese Menschen viel zu erzählen haben und Einblicke vermitteln, die sich aus den Quellen nicht unmittelbar erschließen". Die Manns waren mehr als eine ganz normale Familie, sie waren eine Dynastie, weit verzweigt, viele Namen, viele Gesichter.

"Der normal informierte Zuschauer wird sich vielleicht schwer tun" befürchtet Schotte. "Es werden zwar im dokumentarischen Teil die Namen der auftretenden Personen eingeblendet. Aber nicht jedem Zuschauer dürfte bekannt sein, dass Monika Mann eine der Töchter Thomas Manns war." Deshalb empfiehlt die Wissenschaftlerin, sich vorab mit Stammbäumen und Zeittafeln zu versorgen - und zur Not im Internet unter www.buddenbrookhaus.de die benötigten Informationen abrufen.

Heinrich Breloers Mann-Dreiteiler setzt auf die bewährte Mischung aus Dokumentation und Spielfilm. Das Eine ergänzt das Andere, wo das Eine an seine Grenzen stößt, fängt das Andere erst an. Wo endet die Glaubwürdigkeit, wo beginnt die Fiktion?

Was, wenn Breloer Heinrich und Thomas Mann gemeinsam im Auto zu ihrer sterbenden Mutter Julia fahren lässt, begleitet von Mimi, der Frau Heinrichs und von Katia, der Frau Thomas Manns? "In Wahrheit war Katia Mann bei dieser Fahrt nicht dabei", sagt Schotte. "Der Regisseur wollte offensichtlich den Konflikt zwischen den beiden Männern und die Dissonanzen zwischen den Ehepaaren deutlich machen. Historisch ist das vielleicht nicht hundertprozentig korrekt. Aber auf diese Weise wird eine Situation verdeutlicht, ohne entscheidend zu verfälschen."

Eine andere Szene. Auf Heinrich Manns 70. Geburtstag lässt Breloer das Kleid von Nelly Kröger aufplatzen, der zweiten Frau Heinrich Manns. "Eine nicht unbedingt verbürgte Szene", sagt Schotte, "aber als symbolisches Bild - die Familie Thomas Manns war nicht gut auf die ehemalige Bardame zu sprechen - doch sehr passend, wenngleich stark dramatisiert." Die Grenzen sind fließend, aber eben nicht beliebig.

"Im zweiten Teil gibt es eine Szene, in der Nelly Kröger alias Veronica Ferres betrunken am Küchentisch sitzt, während Heinrich Mann hinter der Tür hockt: Heinrich Manns Verzweiflung, die alkoholisch bedingten Aussetzer Nellys: atmosphärisch ungewöhnlich dicht inszeniert - und beinahe wahr." Geht es vielleicht gar nicht immer um historische Wahrheiten, ist Breloer da, wo er der Wahrheit am nächsten kommt, vielleicht wahrer, als es alle Fakten je sein können? Kommt er der Wahrheit etwa da am nächsten, wo Fiktion - also Spielfilm - und Dokumentation - also Zeitzeugen - aufeinander prallen, sich überlagern, ergänzen?

Im dritten Teil hält Thomas Mann (Armin Mueller-Stahl) aus Anlass des Geburtstages seiner Frau (Monica Bleibtreu) eine Ansprache. Unmittelbar im Anschluss an diese Szene sieht man eine den Tränen nahe Elisabeth Mann, der offenbar die Ansprache vorgelesen worden war und die in diesem Augenblick von ihren Erinnerungen überwältigt wurde. "Für mich eine der ganz großen Szenen des Films", sagt Schotte. "Eine Schnittstelle, an der sich Film und Wirklichkeit berühren".

Und doch: Muss, wer die historische Realität nicht kennt, glauben, was ihm da präsentiert wird? Oder ist der Film nur für Kenner? "Nicht unbedingt", sagt Schotte. "Auch wer sich nicht ausführlich mit Thomas Mann beschäftigt hat, wird Aha-Erlebnisse haben". Möglicherweise überrascht sein von der Homoerotik Thomas Manns. Oder von einigen Passagen in seinen Tagebüchern.

Keine Kritik, keine entscheidenden Irrtümer? "An den Fakten gibt es nichts zu rütteln", sagt Schotte. Nur soviel: "Thomas Mann kommt aufs Ganze gesehen vielleicht ein bisschen zu gut weg". Mythos bleibt nun einmal Mythos.

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