Medien : In der Hälfte liegt die Kraft

Die „Rundschau“ wechselt ins kleine Tabloid-Format. Ein Rettungsversuch

Sonja Pohlmann

Noch liegt der Traum von Uwe Vorkötter verpackt in braunen Kartons zu seinen Füßen. Sie sind an einigen Stellen aufgerissen, wie ein Weihnachtsgeschenk, das nicht schnell genug aufgemacht werden konnte. Vorkötters Traum ist ein Risiko, deshalb musste er ihn immer wieder testen. Ob er funktioniert, entscheidet sich ab Dienstag. Wenn um Punkt 18 Uhr 30 die Pressen im Druckzentrum Neu-Isenburg anrollen, wird Vorkötters Traum Wirklichkeit: die „Frankfurter Rundschau“, die er als Chefredakteur führt, erscheint fortan im Tabloid-Format (siehe Kasten).

Keine andere überregionale Abo-Zeitung in Deutschland hat bisher diesen Schritt gewagt. Allerdings steht keine von ihnen so sehr mit dem Rücken zur Wand wie das linksliberale Blatt aus der Main-Metropole. Kontinuierlich hat die „Rundschau“ in den vergangenen Jahren an Auflage verloren. Während sie Ende 2001 noch 190 000 Exemplare verkaufte, waren es im ersten Quartal diesen Jahres 150 000 Stück, allein im vierten Quartal 2006 kündigten 11 000 Leser ihr Abonnement. Und kaum zwei Jahre ist es her, dass die „FR“ kurz vor der Pleite stand. 2004 wurde sie von der SPD eigenen Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft (DDVG) zumindest finanziell gerettet. Als im Juli 2006 der Kölner Verlag M. DuMont Schauberg die Mehrheit übernahm, wurde der Sanierungsplan fortgesetzt. Von 1650 Mitarbeitern, die hier vor sechs Jahren beschäftigt waren, sind rund 750 übrig geblieben, weitere 200 Stellen sollen wegfallen.

Doch reichen Kündigungen und Kosteneinsparungen nicht aus, um eine Zeitung wieder wettbewerbsfähig zu machen. Das war sowohl Alfred Neven DuMont, dem Vorsitzenden des Verlagsaufsichtsrates, als auch Chefredakteur Vorkötter klar. Im vergangenen Sommer hatten sie die gleiche Idee für den Befreiungsschlag – vermutlich die letzte Chance, die der „FR“ noch bleibt. „Als Tabloid soll die Zeitung raus aus der Defensive, hinein in die Offensive“, sagt Vorkötter, der bis zum Mai 2006 Chefredakteur der „Berliner Zeitung“ war. Diese Vision ist nicht neu: 2003 katapultierte sich die englische Zeitung „Independent“ auf diesem Weg aus der Krise heraus. Mittlerweile geht die Anzahl ihrer verkauften Exemplare zwar wieder zurück und stagniert bei etwa 250 000 Exemplaren, doch sind das immerhin 30 000 mehr als zuvor.

So optimistisch wollte Vorkötter zunächst gar nicht sein. Doch nachdem ein Modell der neuen „Rundschau“, ein so genannter Dummy, in die Marktforschung gegeben wurde, änderte er seine Prognose: Keinen tiefen Einbruch erwarte er jetzt, sondern deutliche Abo-Gewinne, die sich bis zum Herbst bemerkbar machen sollen. So positiv seien die Testergebnisse der Leserbefragung gewesen.

Doch der Grat, den Chefredakteur und Verlag gehen, ist schmal. Sie wollen mit der neuen „Rundschau“ vor allem jüngere und weibliche Leser gewinnen, gleichzeitig ihre treuen, zumeist älteren und männlichen Abonnenten halten – ein schwieriger Spagat. Denn Tabloid bedeutet nicht, einfach eine große Zeitung in ein kleineres Format zu übersetzen. „Wir werden eine andere Zeitung sein als vorher“, sagt Vorkötter. Das zeigt schon die Titelseite: ein großes Thema und maximal fünf weitere Kleinere, an manchen Tagen sogar eine monothematische Aufmachung in großer Grafik. Zwar haben traditionelle Ressorts wie Politik, Wirtschaft, Sport, Lokales und Feuilleton einen festen Platz in der Reihenfolge, „aber die Manövriermasse schwankt“, sagt der Chefredakteur, „wir werden darüber jeden Tag neu entscheiden“.

Eine Besonderheit sind die Magazinseiten im hinteren Teil des Blattes. Sie erscheinen täglich, nicht mehr nur am Wochenende. Dadurch soll die „Rundschau“ leichter und humorvoller werden. „Diese Eigenschaften haben uns gefehlt“, sagt Vorkötter, „jetzt wollen wir überraschender und turbulenter werden“.

Einen Monat lang wurde den „FR“-Lesern das Konzept mit einer täglichen Sonderseite erläutert. Eine kostenlose Hotline steht für Fragen zur Verfügung. Größte Sorge: Bleibt die Qualität der Zeitung gleich? Vorkötter beruhigt: „Wir bleiben eine linksliberale Zeitung, die vor keiner Macht zurückschreckt.“ Auf den Neustart ihres Blattes reagierten auch viele Mitarbeiter zunächst skeptisch. „Aber jetzt, da es endlich losgeht, ist der Knoten geplatzt“, sagt Martin Scholz, Leiter des Magazinsressorts. Weil die Seiten kleiner sind, zahlen die Anzeigenkunden bis zu 25 Prozent weniger. Wie teuer die Umstellung aufs Tabloid ist, teilt die Geschäftsführung nicht mit. Den Sanierungsplan verzögere sie in jedem Fall. Schwarze Zahlen für die „FR“ werde es 2008 wie geplant nicht geben.

Trotzdem glaubt Uwe Vorkötter auf dem richtigen Weg zu sein. Auch wenn es aus den anderen Häusern bisher keine entsprechenden Signale gibt, setze die „FR“ mit dem neuen Format einen Trend: „Wir produzieren künftig die Zeitung, die andere in fünf Jahren machen.“ Er muss an seinen Traum glauben – es gibt jetzt kein Zurück mehr.

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