In eigener Sache : Live-Chat mit dem Tagesspiegel-Chefredakteur

Wir haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, von 14 bis 15 Uhr zum Live-Chat mit Tagesspiegel-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff eingeladen. Es ging um die Ausgangssituation in der deutschen Politik vor dem Super-Wahljahr 2013. Lesen Sie den Chat und die wichtigsten Antworten hier nach! Morgen steht Tagesspiegel-Autor Harald Schumann für ihre Fragen zur Verfügung.

Tagesspiegel-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff.
Tagesspiegel-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff.Foto: Tagesspiegel

Demnächst haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, in regelmäßigen Abständen die Möglichkeit, mit Prominenten und Experten aus Politik, Sport, Wirtschaft und Kultur sowie mit Autoren des Tagesspiegels direkt und in Echtzeit zu diskutieren. In unserem Tagesspiegel-Chat stellen sich unsere Talk-Gäste Ihren Fragen. Den Anfang macht am Montag, 22. Oktober ab 14 Uhr Tagesspiegel-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff. Hier geht es zum Chat für Sie zum Nachlesen.

Außerdem bieten wir ihnen hier die Möglichkeit, die wichtigsten Originalfragen und Antworten nachzulesen:

wattwndern: "Guten Tag Herr Casdorff, welche Bedeutung messen sie der fdp nach all ihren Verfehlungen zu? Glauben sie das die fdp noch einen berichtenswerten beitrag zur Gesellschaft leistet?"

Casdorff: "@wattwandern - Die FDP hat dann eine Bedeutung,wenn sie ich dem wahren Liberalismus verpflichtet (fühlt), was heißt: Nicht nur neolberal zu sein, sondern im besten Sinn radikal liberal. Datenschutz, im Übrigen, gehört dazu... Aber das nur mal so zwischendurch. Soziales war auch immer ein Kernpunkt liberalen Denkens, so unter Generalsekretär Karl-Hermann Flach Anfang der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Ja, so lang ist das schon her..."

glockenschlag: "Hallo, mich würde interessieren wo Sie die Unterschiede in der europäischen Fiskalpolitik zwischen Kanzlerin Merkel und Peer Steinbrück sehen?"

Casdorff: "@glockenschlag - Im Ton! Merkel moderiert die Fiskalunion herbei, Steinbrück neigt eher nicht dazu. Moderieren gegen kommandieren... Aber das ist eher eine Ästhetik des Auftretens. Wichtiger: Steinbrück war sehr früh für Hilfe an die Griechen. Sein Argument lautete: Wir hatten 1500 Milliarden für die deutsche Einheit, haben aber nicht 15 Milliarden für die europäische Einigung? Obwohl wir Deutsche Europa die Vereinigung verdanken... Das klingt doch auch moderat, oder?"

2010ff: "Sehr geehrter Herr Casdorff, ist ein exponierter Mann der "Mitte" wie Peer Steinbrück ein geeigneter Gegenkandidat für Bundeskanzlerin Merkel? Ein paar Linke gibt es wohl auch noch in der SPD. Wird es nicht so werden, dass einerseits innerhalb der SPD große programmatische Spannungen entstehen, während Steinbrück andererseits in der "Mitte" - dem Terrain von Merkel/Seehofer - kaum punkten kann? Ist für die SPD bei der Bundestagswahl mehr drin als wieder Juniorpartner von "Mutti"?"

Casdorff: "@2010ff - Ja, nur in der Mitte kann Steinbrück von Nutzen für die SPD sein. Das kann man von amerikanischen Wahlen lernen, siehe nach bei Bill Clinton: It's the economy, stupid. Davon versteht S was, keine Frage. Und er muss über die Partei hinausreichen, in den Bereich, der CDU aus Verlegenheit wählt. Für die Linken sind andere da, der Parteichef, die Generalsekretärin. Das ist ja auch der Wert der Troika."

Kapitalismus-macht-krank: "Hallo Herr Casdorff, wird es vor der Bundestagswahl noch zu einem Putsch gegen Rösler kommen? Welche Auswirkungen hätte dies für das Wahlergebnis und evtl. Koalitionen? Kubicki und Lindner hätten erstaunlicherweise ein 8% Potential, wohlmöglich rauchen die zuviel!? Könnte dies zur Fortführung von Schwarz/Gelb reichen?"

Casdorff: "@Kapitalismus-macht-krank - Witzig, die Vorstellung, dass sich von denen einer einen Joint baut... Nein, nein, natürlich nicht. Zu Rösler: Nach der Niedersachsen-Wahl im Januar, oder besser; bei dieser Wahl, wird sich sein Schicksal entscheiden. Fällt die FDP in seiner Heimat durch, fällt Rösler raus. Dann käme Brüderle als Parteichef, Lindner aus NRW ist in Wartestellung (weil auch noch jung), und Kubicki, der mit Steinbrück studiert hat, kann mit beiden eine Koalition vorbereiten. Schwarz-Gelb ist da eher nicht das Thema. Ach ja, Brüderle hat in Mainz auch Jahre mit der SPD zusammengearbeitet... "

glossa: "Herr Casdorff. Eine kurze Frage: Was glaube Sie, wie lange die Bevölkerung den Irrsinn noch mitmacht. Ständig wird neues Geld aus unseren Geldbörsen gezogen! (EEG) und was müsste die Regierung tun um den Glauben in die "soziale Gereichtigkeit" wieder zu erlangen?"

Casdorff: "@glossa - Indem wir auf das zurückkommen, was Ursprung des Solidaritätsgedankens ist: Stärkere Schultern müssen mehr tragen als schwächere. Wenn ich mich recht erinnere, haben 82 Tausendstel der Bevölkerung 1600 Milliarden Euro. Oder anders: Das obere ein Prozent der Haushalte besitzt ein Viertel des gesamten Vermögens. Tja, was schließen wir daraus, nach Adam Riese und Eva Zwerg? Wir müssen uns von denen wohl etwas erbitten... Vielleicht ein Prozent?"

dach: "Guten Tag Herr Casdorff, in der Pateienlandschaft finden sich immer wieder Aussagen, dass eine Partei von vornherein nicht bereit ist mit einer anderen Partei zu kooperieren. Stehen hier persönliche Abneigungen zwischen Politikern im Vordergrung, oder sind es tatsächlich fachliche Argumente?"

Casdorff: "@Dach - Politikerantwort: sowohl als auch. Bei der Linken ist es Oskar Lafontaine, dem die Mehrheit der Sozialdemokraten bis heute nicht verzeiht. Aber es sind auch fachliche Argumente: Die SPD hat eine Politik gemacht, derenthalben die Linke doch erst entstanden ist. Und der SPD Stimmen weggenommen hat! Da ist eine Koalition schwierig zu vermitteln - wenn die SPD doch von dem, was sie in der Regierung durchgesetzt hat, nicht abrücken will."

uwemohrmann: "Hallo Herr Casdorff, ich hatte das schon mal geschrieben, das ich nicht verstehe, warum immer wieder die FDP als Koalitonspartner ins Spiel gebracht wird. Die SPD wäre doch bescheuert mit diesem Verein, der jetzt schon Opposition macht, eine Koalition zu bilden. Das wäre doch nichts anderes als eine Fortsetzung des Dilemmas.Kann mir auch nicht vorstellen, wie das dem Wähler vermittelt werden soll. Ausserdem tut die FDP ja auch alles um uns von ihr zu erlösen."

Casdorff: "@uwemohrmann - na ja, ohne die FDP wird das aber rechnerisch nach aktuellsten Zahlen nichts mit SPD-geführter Bundesregierung... Und wie sagte doch Philosoph Müntefering: Opposition ist Mist."

weinberg: "Hallo, worin sehen Sie, Herr Casdorff, (kurz gefasst) die für eine Ampelkoaliton nötige gemeinsame Grundlage, d.h. die Gemeinsamkeiten zwischen den drei Parteien und worin die Knackpunkte, oder auch Stolpersteine auf dem Weg dorthin."

Casdorff: "@weinberg - wieviel Zeit haben Sie? Kurz gefasst... Gesellschaftliche Veränderung könnte das Bindeglied sein. Rot-Grün hat seinerzeit viel Liberalität gebracht, jetzt geht es um modernisierte Ökonomie auf sozialer Grundlage. Da schadet Erfahrung mit Programmatik nichts, will sagen: mit kontroverser Diskussion. Das ist nicht der USP der CDU."

provinzler: "Was wäre denn überhaupt der Unterschied zwischen einer sozialliberalgrünen mit einer konservativliberalen Regierung? Ich kann da kaum Unterschiede erkennen. Die einzige Partei, die etwas anders ist, sind doch die Linken.
Auch schwarzrot wäre m.E. nicht anders als die Optionen s.o."

Casdorff: "@provinzler - Der Unterschied? Wo die Grünen auf die FDP treffen, stieben Funken. Gedankenfunken. Das ist schon mal ein Unterschied. Und wert, dass man es ausprobierte, den Interessenausgleich meine ich. Denn die beiden Parteien bedienen doch sehr unterschiedliche Wähler. Schwarz-Rot, das ist richtig, ist sich ähnlich geworden: Merkel hat die CDU zur SDU gemacht, zur sozialdemokratischen Union. Sie werden sehen: Jedes Thema, das der SPD im Wahlkampf nutzen könnte, wird sie, Merkel, noch bearbeiten, auf dass kaum eines übrig bleibt."

dach: "Es ist bei den Parteien oft üblich, sich bei Erfolgen auf die eigenen Schultern zu klopfen und bei Mißerfolgen auf die anderen Parteien zu zeigen. Wie bilden sich Journalisten ihre eigene Meinung?"

Casdorff: "@Dach - Lesen, lesen, lesen... Und diskutieren. Am Ende steht dann die Meinung. Nochmal: Keiner hat ein Monopol auf die Wahrheit. Frei nach Nietzsche: Zur intellektuellen Redlichkeit gehört, die Argumente des anderen mit zu bedenken. Ach ja, noch einer meiner Lieblingsmerksätze: beobachten, beschreiben, bewerten... In dieser Reihenfolge."

eteco: "Guten Tag Herr Casdorff, Wie beurteilen Sie die Aussage von Herrn Steinbrück in keinem Fall für eine Koalition mit Frau Merkel zur Verfügung zu stehen. mfg"

Casdorff: " @eteco - Das klingt erst einmal symphatisch. Da drängt sich einer nicht. Dann, nächste Ebene: Er will nicht unter Merkel arbeiten, weil er sie kennt. Schon weniger nett. Und die nächste: Ein Demokrat sollte so besser nicht reden. Denn Wählerauftrag ist Wählerauftrag. Und S ist doch Spitzenkandidat. Was der Wähler fügt, soll der nicht scheiden. Jedenfalls nicht so, vorab, hau-schnau. Es bestand ja keine rechte Notwendigkeit."

glockenschlag: "Ein Herr Rompuy wurde aus dem Nichts heraus zum Spitzenpolitiker der EU. Hat die EU ein massives Demokratiedefizit?"

Casdorff: "@glockenschlag - Ha! Wenn sie den Tsp lesen, dann wissen Sie - ein Thema, das mich aufregen kann. Mehr Demokratie wagen! Europa muss weiter demokratisiert werden, jawohl. Der ESM, zum Beispiel, geht so nicht. Danke den Abgeordneten, die sich ihre Rechte nicht nehmen lassen wollten. Das Kronrecht des Abgeordneten ist, dass alle Beschlüsse zu Lasten der Staatskasse von - abwählbaren - Abgeordneten gefasst werden. Jetzt muss ich aber aufhören, sonst wird das ein Essay."

Am Dienstag geht es weiter. Dann wird Harald Schumann ab 14 Uhr für eine Stunde Rede und Antwort stehen. Sein Buch "Die Globalisierungsfalle" ist ein Bestseller und er wird sich zu den ökonomischen Ursachen und vor allem den sozialen Folgen der globalen Finanzkrise äußern.

Sie haben eine Stunde lang die Möglichkeit, mit Harald Schumann zu diskutieren und ihm Fragen zu stellen. Der Chat wird moderiert, das heißt, jeder Beitrag wird geprüft und dann gegebenenfalls freigeschaltet. Maßgeblich für die Veröffentlichung sind unsere Allgemeinen Community-Richtlinien. Unser Talkgast ist bemüht, so viele Fragen wie möglich zu beantworten, aber sicher werden einige Fragen unbeantwortet bleiben.

Bitte beachten Sie, dass die Fragen an den Talkgast gestellt werden sollen. Im Anschluss präsentieren wir Ihnen eine Zusammenfassung des Live-Chats, mit der wir unsere gesamte Community zur Diskussion einladen. Um an dem Chat teilnehmen zu können, müssen Sie sich mit Ihrem Community-Benutzerkonto einloggen.  Falls Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich hier kostenfrei eines einrichten. Der Chat ist für Sie bereits mindestens fünfzehn Minuten vor dem offiziellen Beginn freigeschaltet.

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