Medien : Informationen als Waffe

Neue Studie: Welchen Einfluss die Stasi auf den west- und ostdeutschen Rundfunk ausübte

Stefanie Erhardt

„Genossen, wir müssen alles wissen!“ Der Anspruch der Stasi auf totale Überwachung – wie es im Zitat des ehemaligen Chefs der Staatssicherheit, Erich Mielke, zum Ausdruck kommt – bezog sich auch auf die Medien. Und zwar auf die im eigenen Land wie auf die des Klassenfeinds BRD. Mit der Rolle des DDR-Geheimdienstes im ost- und westdeutschen Rundfunk beschäftigt sich eine Studie der Freien Universität Berlin, die am Dienstagabend im Auswärtigen Amt im Rahmen einer Podiumsdiskussion vorgestellt wurde. Die von der ARD in Auftrag gegebene Forschungsarbeit beleuchtet, wie die Stasi nicht nur DDR-Journalisten, sondern auch West-Korrespondenten kontrollierte und versuchte, öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten zu unterwandern.

Angelika Böhme, ehemalige Nachrichtensprecherin der „Aktuellen Kamera“, berichtete von einer eingehenden Überwachung durch die Staatssicherheit, der man sich im Alltag bewusst gewesen sei. „Der Nachrichtenstuhl beim DDR-Fernsehen war ein Schleudersitz.“ Auch der frühere ARD-Korrespondent in Ost-Berlin, Fritz Pleitgen, wies auf eine ständige Kontrolle hin. Die Journalisten, die aus der DDR sendeten, boten den ostdeutschen Bürgern eine innenpolitische Berichterstattung, wie es sie jenseits des Eisernen Vorhangs nicht gab. Dennoch meint Pleitgen: „Wir waren keine Helden, weil wir ein Sicherheitsnetz hatten.“ Bei einer Ausweisung aus der DDR boten sich den Korrespondenten neue Aufgaben.

Die Stasi versuchte – beispielsweise über die Anwerbung von Journalistenschülern – die westdeutschen Medien mit inoffiziellen Mitarbeitern zu durchsetzen. Die vom „Forschungsverbund SED-Staat“ angefertigte Studie konnte jedoch zeigen, dass der tatsächliche Einfluss dann doch geringer war als zunächst befürchtet. Zwar gab es Einzelfälle, die auch den Anstoß zu einer wissenschaftlich fundierten Auseinandersetzung gaben, insgesamt sei es jedoch nicht gelungen, die ARD zu unterminieren, so Pleitgen.

Der Vorsitzende der Historischen Kommission der ARD, Dietrich Schwarzkopf, bezeichnete die Stasi als eine „never ending story“, ihre Arbeit aber auch als ein Stück Hochstapelei. So sei eine offizielle Pressemitteilung als Geheimpapier gekennzeichnet worden. Marianne Birthler, Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, warnte davor, die Arbeit der Staatssicherheit zu unterschätzen. „Selbst banale Informationen konnten zu einer Waffe gegen Menschen werden.“ Eine Zusammenfassung der Studie ist in Buchform erschienen („Operation Fernsehen: Die Stasi und die Medien in Ost und West.“, Vandenhoeck & Ruprecht). Stefanie Erhardt

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