Medien : Ingo Dubinski: Die zweite Chance

Daniel Sturm

Der Fernsehmoderator Ingo Dubinski kehrt auf den Bildschirm zurück. Das haben die Intendanten der drei Sender, Udo Reiter (MDR), Jobst Plog (NDR), und Peter Voß (SWR) gestern entschieden, nachdem der MDR-Personalausschuss eine entsprechende Empfehlung abgegeben hatte. Dubinski war Ende August vom Bildschirm verbannt worden, nachdem seine Verstrickung in den Apparat der DDR-Staatssicherheit bekannt geworden war. Während seines Wehrdienstes bei der Nationalen Volksarmee hatte er als Inoffizieller Stasi-Mitarbeiter (IM) einen Zimmernachbarn ausspioniert. Dubinski habe bei dieser Aktion 1983 "Schuld auf sich geladen", erklärte SWR-Intendant Peter Voß, der die positive Empfehlung des Personalausschusses begrüßte. Dubinksi habe aber von sich aus die IM-Tätigkeit beendet und eingesehen, dass er als junger Mann einen "schweren Fehler" begangen habe. Am 10. Dezember wird Ingo Dubinski nach Angaben des Norddeutschen Rundfunks erstmals wieder die ARD-Fernsehlotterie "Ein Platz an der Sonne" präsentieren. Die Sendetermine beim SWR ("Wunsch-Box") stehen noch nicht fest. Die MDR-Sendung "Mit Dubinki reisen" soll frühestens Ende des Jahres wieder starten.

Zu den Ursachen für die Weiterbeschäftigung hält sich der MDR bedeckt. "Das fällt unter den Datenschutz", sagte Sender-Sprecherin Birthe Gogarten. Es ließen sich auch keine Vergleiche zu anderen Stasi-Fällen ziehen, die bei der ARD-Anstalt bekannt geworden waren. "Jeder Fall wird einzeln geprüft." Seit Jahresbeginn wurden immer wieder neue Fälle bekannt, was der Dreiländeranstalt schon den Spitznamen "IM-DR" eingetragen hat. Der öffentliche Wirbel um die Stasi-belasteten Beschäftigten hatte Intendant Udo Reiter zuletzt dazu veranlasst, eine Überprüfung aller festen und freien Mitarbeiter bei der Gauck-Behörde einzuleiten, nachdem die Aufklärung von 1991 offensichtlich unzureichend gewesen war.

Der Fall Dubinski wirft Fragen nach der Bemessungsgrundlage für eine Weiterbeschäftigung auf, immerhin hatte sich der Sender in den letzten Monaten von etlichen Journalisten und Moderatoren wegen nachgewiesener Stasi-Mitarbeit getrennt. Der im mitteldeutschen Sendegebiet sehr beliebte Moderator Oliver Nix ("Hier ab vier"), der unlängst wegen Spitzel-Diensten für die Stasi seinen Moderatorenjob verlor, freut sich für seinen ehemaligen Kollegen Ingo Dubinski. "Ich hoffe, dass man jetzt vielleicht eine Debatte über persönliches Versagen führen kann, die nicht automatisch damit endet, dass man seinen Job verliert." Das "positive Signal", das von der Weiterbeschäftigung Dubinskis für alle Betroffenen ausgehe, ändere allerdings nichts an seiner Entscheidung, arbeitsrechtlich nicht gegen den MDR vorzugehen. Der 36-jährige Oliver Nix, der seit neun Monaten auf Jobsuche ist, baut derzeit zusammen mit einer Unternehmensberaterin ein TV-Coaching-Geschäft auf.

Ein weiterer Umstand macht die Lage bei der größten ostdeutschen ARD-Anstalt noch komplizierter: Stasi-belastete Redakteure, die rein arbeitsrechtlich nicht entlassen werden können, hat Intendant Udo Reiter per Verfügung erst einmal hinter die Kulissen verbannt. Sie sollen keine redaktionellen Beiträge mehr verfassen, produzieren oder vor Mikrofon oder Kamera sprechen, "die in Bezug zur Geschichte der ehemaligen DDR stehen oder sich mit Themen befassen, die in diesem Zusammenhang von besonderer politischer Brisanz sind". Dieser Erlass geht auf einen Fernsehbeitrag der "Fakt"-Moderatorin Sabine Hingst zum 40. Jahrestag des Mauerbau zurück. Da Hingst ebenfalls Stasi-Mitarbeit vorgeworfen wird, gab es auf die Ausstrahlung hin empörte Reaktionen. "Jemanden, der in der Öffentlichkeit so unter Beschuss gelangt ist, ausgerechnet diesen Beitrag machen zu lassen, halte ich schlicht und einfach für falsch", räumte MDR-Sprecher Eric Markuse kritisch ein. Gleichwohl gehe aus der Gauck-Akte von Sabine Hingst nicht hervor, "dass sie als IM für die Stasi tätig war".

Obwohl der MDR die Stasi-Verstrickungen seiner Mitarbeiter fast komplett aufgearbeitet hat, ist noch keine Normalität beim Sender eingekehrt. Markuse berichtet von Radioreportern, die einen Beitrag über das Leipziger Stasi-Museum produzieren wollten, von den Museumsleuten aber nur äußerst unwillig eingelassen wurden. Wie sehr die Glaubwürdigkeit des Senders angekratzt ist, musste zuletzt ein MDR-Kameramann erfahren: Er wurde als "Stasi-Mann vom Stasi-Sender" beschimpft.

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