Innerer Widerstand : Sein Kampf mit Hitler

Sebastian Haffners „Geschichte eines Deutschen“ als Doku-Drama im ZDF. Das Buch schildert die Zeit zwischen 1914 und 1933, der Film konzentriert sich auf das Jahr der Machtergreifung durch die Nazis.

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„Recht ist, was dem Volke nützt.“ In einem SA-Schulungslager werden 1933 Rechtsreferendare wie Sebastian Haffner (Ludwig Blochberger) auf NS-Linie gebracht. Foto: ZDF
„Recht ist, was dem Volke nützt.“ In einem SA-Schulungslager werden 1933 Rechtsreferendare wie Sebastian Haffner (Ludwig...Foto: REINHARD BERG

„Für die meisten Deutschen war Hitler Anfang der 30er Jahre noch abstoßend. Die Zuhälterfrisur, die wilde Gestik, der stierende Blick, die Freude am Drohen, die blutrünstigen Reden.“ Das Doku-Drama „Mein Kampf mit Hitler“, das das ZDF an diesem Dienstag ausstrahlt, beginnt mit denkwürdigen Worten. „Dass die Nazis Feinde waren für mich und alles, was für mich teuer war, darüber täuschte ich mich nicht“, spricht die Off-Stimme und zitiert Sebastian Haffner, der die Machtübernahme Hitlers im Januar 1933 als 25-jähriger Rechtsreferendar in Berlin erlebte.

Das ZDF zeigt den 45-minütigen Film aus Anlass des 80. Jahrestages der „Machtergreifung“. Grundlage für den Beitrag der Autoren Peter Adler und Gordian Maugg ist Sebastian Haffners Buch „Geschichte eines Deutschen“, in dem er die Geschehnisse in den Jahren zwischen 1914 und 1933 reflektiert. Das 1939 im Londoner Exil geschriebene Werk wurde allerdings erst ein Jahr nach seinem Tod im Jahr 1999 veröffentlicht.

Die szenische Dokumentation muss sich angesichts des engen zeitlichen Korsetts auf die entscheidenden Wendepunkte konzentrieren. „Sind Sie arisch?“, wird Haffner in einer Szene von einem SA-Mann angeherrscht. Die Begebenheit hat sich im Berliner Kammergericht zugetragen. Ein Trupp Braunhemden hat den Raum gestürmt, in dem sich die angehenden Assessoren auf ihre Prüfungen vorbereiten. Haffner muss hilflos mit ansehen, wie seine jüdischen Kollegen aus dem Gebäude verwiesen werden, darunter sein bester Freund Frank Landau. Der verlässt Deutschland wenig später.

In einer anderen Szene sieht man Haffner inmitten anderer junger Männer, alle mit Hakenkreuz-Mütze auf dem Kopf, die sich in Reih und Glied aufstellen müssen. Die nachgestellte Szene bleibt sogar noch hinter der Realität des Jahres 1933 zurück, wie eine historische Aufnahme zeigt. Roland Freisler, der spätere Richter am „Volksgerichtshof“ schwört darin als Staatssekretär im Justizministerium die angehenden Juristen auf die nationalsozialistische Rechtsauffassung ein. „Recht ist, was dem Volke nützt“, sagt der Mann, der später in Willkürprozessen reihenweise Todesurteile fällen wird. Für Haffner war es 1933 bereits eine Qual, das Horst-Wessel-Lied zu singen. „Welch furchtbare Feinde die Nazis sein würden, darüber täuschte ich mich vollkommen“, hört man ihn sagen.

Haffner-Biograf Uwe Soukup „(„Ich bin nun mal Deutscher. Sebastian Haffner. Eine Biographie“) beklagt in einem Beitrag für die „FAZ“ einige schmerzliche Verknappungen des Films. Dass darin aus dramaturgischen Gründen Szenen wie die Silvesterfeier zum Schicksalsjahr 1933 ohne Entsprechung im Buch eingebaut wurden, entschuldigt er allerdings mit den Notwendigkeiten eines TV-Formats. Auch sei es „ein etwas anderer Haffner, als man ihn lesend kannte“, der dort von Ludwig Blochberger verkörpert wird. Das mag aber auch daran liegen, dass in den meisten zeitgeschichtlichen Texten Liebesszenen in der Dachkammer, wie die mit Haffners jüdischer Freundin Charlie (Sybille Weiser), kein Bestandteil sind. Für ein Doku-Drama ist „Mein Kampf mit Hitler“ überdies außergewöhnlich gut besetzt. Sebastian Haffners Vater, der an den Nationalsozialisten zerbricht, wird von Michael Mendl dargestellt.

Sehenswert ist der Film aber vor allem, weil er die Ereignisse aus der Sicht eines jungen, extrem analytischen Mannes erzählt, der sich nicht vorschreiben lassen will, mit wem er befreundet sein darf oder wie er zu grüßen hat. Eines Mannes, der seine Aufzeichnungen als Geschichte zwischen einem kleinen Privatmann und einem mächtigen Staat aufgeschrieben hat, als Kampf zwischen Hitler und sich selbst. So gelingt es dem Publizisten, den viele Menschen erst als Dauergast im „Internationalen Frühschoppen“ kennengelernt haben, auf ganz eigene Weise zu schildern, wie die Nazis in wenigen Monaten ein ganzes Land auf Linie gebracht haben.

Die historischen Aufnahmen setzen die wichtigen Wegmarken, Machtergreifung, Reichstagsbrand, Bücherverbrennung, der Handschlag von Reichspräsident Hindenburg und Hitler in Potsdam. Haffner sorgt für die Atmosphäre: „Mir war die Luft in Deutschland stickig geworden. Was es nicht mehr gab, war Lebensfreude, Wohlwollen, Verständnis, dafür aber Streit und Zermürbung.“ Offenen Widerstand hat er gescheut. Er beendete seine Ausbildung, wenn auch nur pro forma. Bis er 1938 nach London emigrierte, zog er sich ins Unpolitische zurück.

„Mein Kampf mit Hitler – Machtergreifung 1933“, ZDF, 20 Uhr 15

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