Medien : Ins Leben zurückfinden

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Warum wird gefoltert? Die landläufige Meinung lautet: um etwas zu erfahren.

n, Pläne, die Geheimnisse der Staatsfeinde. Das stimmt aber nicht. Meistens wissen die Folterer schon alles. Der Sinn der Folter besteht darin, das Opfer zu brechen. Es soll überleben, es soll zurückkehren zu seiner Familie und seinen Freunden, aber geduckt, als zitternde menschliche Ruine. Das Opfer soll öffentlich Zeugnis ablegen, es soll allen zeigen, wie stark der Staat ist und wie schwach seine Gegner.

Kann man diese Leute zurückholen in ein normales Leben? Das Berliner „Behandlungszentrum für Folteropfer“ versucht es. Die drei größten Opfergruppen: Kurden, Bosnier und, noch immer, ehemalige DDR-Bürger. Es ist schwierig, über so etwas einen Film zu machen. Die meisten Opfer wollen nicht vor der Kamera reden, und die Behandlung ist unspektakulär. Eine Methode besteht darin, die Patienten mit einer Fotokamera loszuschicken, auf die Straße, zum Fotografieren von Passanten. So lernen die Patienten wieder, auffällig zu werden, andere anzusprechen, eine sichtbare Person mit eigenen Wünschen zu sein.

Denn Folteropfer suchen vor allem eines: Unauffälligkeit.

„Leben ist eine Alternative“ von Sissy von Westphalen (SFB 1, 22 Uhr 15) ist eine dieser klassischen, unaufgeregten Dokumentationen, für die man das öffentlich-rechtliche Fernsehen braucht. Sissy von Westphalen wollte dem vermeintlich spröden Thema optisch etwas abgewinnen, ohne auf dümmliche Horroreffekte zu setzen oder die Zuschauer vor den Kopf zu stoßen – ihre Lösung: Spielfilmszenen, verfremdet durch Zeitlupe, Überblendungen, Synthesizer und anderen Firlefanz.

Diese Ästhetisierung wäre nicht nötig gewesen. Die starken Momente ihres Films sind andere. Etwa, wenn ein Arzt am Röntgenbild betont sachlich die Spuren von Nägeln zeigt, die in die Fingerknochen getrieben wurden, bis zum Gelenk. Weil er solche Spuren trägt, lehnen viele Folteropfer ihren eigenen Körper ab, sie leiden unter vielen Facetten des Selbsthasses.

Überraschend tauchen plötzlich die Borer-Fieldings auf, das gefeuerte Schweizer Botschafterpaar. Das Behandlungszentrum finanziert sich fast zur Hälfte aus Spenden, Shawne Borer-Fielding gehört zu den fleißigsten Sammlern. Davon hat sie wenig hergemacht. Harald Martenstein

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