"Instant-TV" : Massaker-Marketing

Ideen für eine bessere Auslandsberichterstattung haben alte Kämpen wie Gerd Ruge und Fritz Pleitgen genug. Doch die Korrespondenten von ARD und ZDF sind zu stark ins Tagesgeschäft eingespannt.

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Angriff von Assads Luftwaffe auf zivile Ziele? Viele der Fernsehbilder und Fotos aus Syrien stammen aus Quellen, deren Glaubwürdigkeit nicht überprüft werden kann. Foto: Reuters
Angriff von Assads Luftwaffe auf zivile Ziele? Viele der Fernsehbilder und Fotos aus Syrien stammen aus Quellen, deren...Foto: REUTERS

Gerd Ruge, 84, hat noch Wünsche: „Wenn ein ,Weltspiegel’ nur mal so viel kosten dürfte wie zweieinhalb Minuten Fußball.“ Immer kürzer sei das traditionsreiche ARD-Magazin geworden. Weniger Sendezeit, zu wenig Geld, „da ist es schwierig, das Prestige zu halten“, sagte der ehemalige Korrespondent bei den Marler Tagen der Medienkultur im Grimme-Institut, die sich um das Thema Auslandsberichterstattung drehten. Und Ruge, Mitbegründer des am 5. April 1963 erstmals ausgestrahlten „Weltspiegels“, kennt sich noch bestens aus im aktuellen Programmgeschäft. Über eine „dramatische Quotenentwicklung“ beim „Auslandsmagazin“ im Ersten hatte zuvor Sigmund Gottlieb, Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, geklagt. „Aber warum?“, fragte Ruge zurück und gab selbst die Antwort: „Weil die Quoten der ,Lindenstraße’ gefallen sind.“ Die wird sonntags vor dem „Weltspiegel“ ausgestrahlt.

Überhaupt, die Reporterlegenden können zuweilen lästig sein. Fritz Pleitgen, selbst mal ARD-Vorsitzender, klagte kürzlich über zu viele Talkshows und dass sich sein ehemaliger Arbeitgeber angesichts des großen Korrespondentennetzes eigentlich eine 45 Minuten lange Sendung nur mit Weltnachrichten leisten könnte, seinetwegen bei Phoenix. Gottlieb findet das „eine gute Idee“, allerdings sei es nicht leistbar, diese nur mit eigenen Beiträgen zu füllen. Zu eingespannt seien die Korrespondenten im Tagesgeschäft, das ihnen oft stündlich neue Beiträge abverlange. „Instant-TV“ nannte das Gottlieb.

Auch dass in den dritten Programmen Auslandsthemen zugunsten der Regionalisierung reduziert worden seien, sei ein „Riesenproblem“. Jedenfalls ist es ein hausgemachtes. „Fernsehen wird zunehmend zum Nahsehen verwendet“, konstatierte Grimme-Preisträger Ali Samadi Ahadi („Iran Elections“) und verwies darauf, dass er in Köln über alle möglichen Stadtviertel detailliert informiert werde. Die Beschäftigung mit anderen Ländern und Kulturen sei jedoch auch für den Blick auf die eigene Gesellschaft notwendig.

Immerhin haben ARD und ZDF noch ein beachtliches Korrespondentennetz und auch allerhand Sendeplätze. „Wir berichten schon sehr viel, aber oft sehr verteilt“, erklärte WDR-Auslandschef Michael Strempel. Einen festen Sendeplatz für Auslandsdokus im Ersten „fände ich toll, halte ich aber aktuell für nicht durchsetzbar“. Bei dem Korrespondentennetz, diesem öffentlich-rechtlichen „Tafelsilber“, sollte es möglichst keine Kürzungen geben, sagte NDR-Hörfunkdirektor Joachim Knuth, auch mit dem Hinweis auf das Zeitungssterben und die Sparmaßnahmen in der Printbranche. Die Medienpolitik, der Streit um Web-Präsenz und Gebühren, blieb in Marl nur ein Randthema, auch weil kein Vertreter eines Privatsenders anwesend war. Gespräche mit RTL über eine Teilnahme waren gescheitert.

Das Internet dagegen ist längst allgegenwärtig, es verändert auch Rolle und Funktion der Korrespondenten selbst. Für Johannes Hano, Leiter des ZDF-Studios in Peking, wandelt sich die Auslandsberichterstattung „hin zu einer Art Weltinnenberichterstattung“. Beiträge über Proteste in China oder über japanische Manipulationsversuche nach dem Kernkraftunglück in Fukushima würden über das Internet in die Berichtsländer zurückkehren. Der Film „Die Fukushima-Lüge“ etwa habe auf diese Weise in Japan so viele Zuschauer gefunden wie in Deutschland. In einer Parteidiktatur wie in China reagieren die Mächtigen mit Schikanen: Hano und seine ARD-Kollegin Ariane Reimers berichteten von Einschüchterungsversuchen und gewalttätigen Übergriffen auf westliche Journalisten.

Während Journalisten in China immerhin frei reisen können, haben sie in Syrien in der Regel gar keine Möglichkeit, vor Ort zu recherchieren. Bilder gibt es dennoch genug. Diese regelmäßig von den bewaffneten Oppositionsgruppen hergestellten Videos würden „in fast allen Beiträgen“ über Syrien von „Tagesschau“ und „heutejournal“ verwendet, kritisierte GrimmePreisträger Hubert Seipel („Leben und Sterben in Kabul“). Es gehe „vornehmlich um Massaker-Marketing“. Strempel gestand zu, dass sich die Redaktionen immer wieder über die Authentizität der Bilder unsicher seien. Die wichtigste Grundregel sei, dies offenzulegen. „Wir müssen in der Lage sein, die Zweifel auch über den Sender zu artikulieren.“ Was nicht zur Debatte zu stehen scheint: Bilder, deren Authentizität fraglich sind, lieber gar nicht erst zu senden. Konsequent zu sein, würde laut Strempel bedeuten: „Wir senden Schwarzbild und sagen, warum.“

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