Integration als Erfolgsgeschichte : Arte zeigt „Die neue Völkerwanderung“

Für sein Buch "Arrival City" hat Doug Sanders 20 Stadtteile, Vorstädte und Slums mit hohem Migrantenanteil besucht. Jörg Daniel Hissen schuf daraus für Arte den Dokumentarfilm "Die neue Völkerwanderung".

Ein Armutsviertel am Rande von Istanbul.
Ein Armutsviertel am Rande von Istanbul.Foto: ZDF

Istanbuls Siedlungen am Stadtrand, East London, Berlin-Kreuzberg, die Pariser Banlieue Les Pyramides, Amsterdam-Slotervaart: Auf fünf „Ankunftsorte“ blickt der Dokumentarfilm „Die neue Völkerwanderung“ von Jörg Daniel Hissen. Orte, die sich in den vergangenen Jahrzehnten aufgrund von Einwanderung massiv verändert haben. „Was können wir aus der Geschichte der Integration lernen?“, stellt Hissen eine nüchterne Frage voran, die man in der aufgeregten Flüchtlingsdebatte gerne mal häufiger hören würde.

Der Autor hat eine Art Film zum Buch gedreht: Der kanadische Journalist Doug Sanders reiste allerdings bei seinen Recherchen in weltweit mehr als 20 Stadtteile, Vorstädte und Slums, in denen sich besonders viele Einwanderer angesiedelt hatten. 2010 erschien sein Buch „Arrival Citys“, ein Jahr später auch auf Deutsch („Die neue Völkerwanderung – Arrival Citys“). Fünf Orte sind für einen Dokumentarfilm mehr als genug, auch wenn sich nun der Blick wieder fast ausschließlich auf die Integrations-Probleme in westlichen Metropolen verengt. Sanders will aber eine „universelle Logik“ ausgemacht haben, wie Menschen vom Lande sich in der Stadt etablieren. Zuwanderung sei in der Regel eine Erfolgsgeschichte, behauptet er. Nach schweren Anfangsjahren folge eine Entwicklung zum Besseren. Dies sei aber kein Selbstläufer. Sanders plädiert für eine Integrationspolitik, die auf die Kraft der Einwanderer vertraut. „Menschen integrieren sich selbst, wenn sie die Mittel dazu haben. Oder, besser gesagt, wenn ihnen unterwegs keine Steine in den Weg gelegt werden“, erklärt er im Film.

Kreuzberg („ein beliebter Stadtteil, der für kulturelle Vielfalt steht“) und die „bunten, vielfältigen“ Viertel in East London gelten im Film als Beispiele für eine positive Entwicklung. Auch in Amsterdam-Slotervaart, aus dem 2004 der Mörder von Theo van Gogh stammte, seien durch gezielte Investitionen in Sicherheit und Infrastruktur Fortschritte gemacht worden. Das negative Beispiel liefert Les Pyramides: Die Menschen in den französischen Vorstädten seien als Folge verfehlter Politik sozial und wirtschaftlich isoliert. Istanbul ist ein besonderer Fall: Die Einwohnerzahl wuchs zwischen 1960 bis heute von 900.000 auf zwölf Millionen Menschen. Viele Einwanderer in den „Gecekondus“, den „über Nacht“ errichteten Hütten und Häusern, kämpfen immer noch um Baugenehmigungen und Eigentumsrechte.

Kreuzberg als Beispiel gelungener Integration

Die unaufgeregte Erzähl-Haltung Hissens, der sich auf die Orte und deren Bewohner konzentriert und den aktuellen Streit um Asylverfahren und Flüchtlingszahlen links liegen lässt, hebt sich auf angenehme Weise von vielen Beiträgen zum Thema ab. Und die Suche nach Parallelen in verschiedenen Städten und der historische Ansatz sind ganz sicher anregend. An allen Orten stellt Hissen Familien vor, deren Kinder nun die Früchte der Aufbauarbeit ihrer Eltern ernten: Bildung und Arbeit, die Chance auf ein selbst bestimmtes Leben. Ins Bild treten junge Männer und Frauen, die studieren, Geschäfte führen, bei der Polizei oder als Anwältin arbeiten. Die Auswahl ist gewiss nicht repräsentativ, belegt aber die These, dass Integration vielfach gelingt. Kreuzberg liefert mit der Familie Aygün, die mittlerweile 15 Restaurants und mehrere Hotels betreibt, auch eine echte Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte.

Aber natürlich ließe sich über Sanders' Optimismus und manche seiner Thesen streiten: Etwa, dass die steigenden Mieten in Stadtvierteln wie Kreuzberg für die einstigen Einwanderer kein Problem seien („Sie werden zu Eigentürmern, sie werden erfolgreich“). Gentrifizierung ist demnach ein Ausdruck gelungener Integration, weil die Ankunftsorte von Einwanderern in erfolgreiche Viertel umgewandelt worden seien. Auch die negative Deutung des Begriffs „Parallelgesellschaft“ teilt Sanders nicht. Die Bildung von ethnischen Enklaven sei Teil des Integrationsprozesses, sagt er. Nur dank der Netzwerke mit anderen Einwanderern sei es möglich, in der neuen Umgebung Fuß zu fassen. Kulturelle und religiöse Konflikte ignoriert er weitgehend. Wäre schön, wenn es so einfach wäre. Thomas Gehringer
„Die neue Völkerwanderung“; Arte, Dienstag, 20 Uhr 15

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