Intellektuellenblatt : All die Habermase und Enzensbergers

In hohen Räumen denken: Christian Demand ist der neue Herausgeber der Zeitschrift „Merkur“. Wie immer besteht höchste Reflexionsgefahr.

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Die autoritative Haltung der Zeitschrift ist unverkennbar. Foto: promo
Die autoritative Haltung der Zeitschrift ist unverkennbar. Foto: promo

Groß ist er, der Neue, so groß, dass er die vergilbten, zerblätterten „Merkur“-Hefte vom obersten Regalbrett greifen kann, ohne sich auf einen Hocker zu stellen. Das Regal steht in einer Charlottenburger Altbauwohnung, der „Merkur“-Redaktion. Es beherbergt die gesamte Geschichte der „Monatsschrift für Europäisches Denken“, oben links beginnt sie mit Ausgabe 1, 1947. Rechts unten endet sie, momentan mit Ausgabe 1, 2012. Es ist das erste Heft, das der neue Herausgeber Christian Demand verantwortet hat. Als er vor zwei Jahren von seinem Vorgänger Karl Heinz Bohrer gefragt wurde, ob er den Job machen wolle, musste Christian Demand lange überlegen, wochenlang. Zur Entscheidungsfindung – und noch intensiver, nachdem er zugesagt hatte – las er sich durch das Regal, rückwärts in der Zeit, von rechts unten nach links oben. Er las sich die Farbskala der Heftrücken entlang, von weiß, über crème zu dunkelgelb. Es galt, „60 Jahre autoritative Glaubwürdigkeit“ abzuschreiten.

Mit dem Lesen hat Christian Demand immer noch nicht aufgehört, am liebsten tut er es abends, wenn er auf einen späten Flug von Tegel nach München wartet. Sobald es geht, will er nach Berlin ziehen, noch pendelt er. Wenn er dann in der großzügig geschnittenen Altbauwohnung allein ist, greift er sich Ausgabe 51, 43 oder 27. Die hohen Decken lassen Raum zum Denken. Und immer wieder wundert er sich über all die großen Namen, für die der „Merkur“ ein Forum war, lange bevor sie Stars wurden. „All die Habermase und Enzensbergers: You name it, we have it“, sagt Demand.

Der „Merkur“ gilt als eines der großen deutschen Intellektuellenblätter, er wendet sich, so steht es auf der Homepage, an ein Publikum, das „man früher gebildetes Bürgertum nannte“. Laut Klett-Cotta-Verlag liegt die Auflage aktuell bei knapp 5000 Exemplaren. Den Spitzenwert von 5500 erreichte der „Merkur“ 1984, im selben Jahr übernahm Demands Vorgänger Karl Heinz Bohrer. Unter den Lieferadressen sind Ministerien und Universitäten. Das Goethe-Institut reduzierte gerade wieder seine Abonnements.

Christian Demand sitzt im Konferenzraum der Redaktion, an einem lang gezogenen, ovalen Tisch. Er trägt Jeans, schwarze Lederschuhe, Hemd und Wollweste, typischer Nicht-ganz-schickSchick. Hinter ihm steht eine Merkur-Statuette aus Messing. Es ist eine Replik, das Original stammt aus der Renaissance. „Manierismus, wenn man genau sein will“, sagt Christian Demand, als Kunsthistoriker kann er sich das nicht verkneifen. Die vergangenen sechs Jahre war er Professor an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg, wo er angehenden Kunsterziehern die Kunstgeschichte seit 1200 nahebrachte. Dort sah er sich, so sagt er, als intellektuellen Einzelkämpfer zwischen lauter Praktikern. Es mag ein Grund dafür gewesen sein, das Lager zu wechseln.

Dort, wo er jetzt sitzt, finden regelmäßig Kolloquien statt, so haben es Karl Heinz Bohrer und sein Mitherausgeber Kurt Scheel immer genannt, beide Männer der Universität. Drei, vier Mal im Jahr sind alle Stühle im Konferenzraum besetzt. Autoren und Gäste sprechen dann über ein Thema, geben Denkanstöße. Demand spricht von der Simulation des geschäftigen Redaktionsalltags, den es an normalen Tagen nicht gibt. Die Redaktion besteht aus nur drei Personen. Wichtig seien die Kolloquien vor allem, wenn wieder ein Doppelheft ansteht, von denen es jährlich eines gibt. Das jüngste dieser Art hatte das Thema „Nonkonformismus“, Untertitel: „Warum jeder ein Nonkonformist sein will, aber nur wenige es sind“. Solche Doppelhefte sind vollgestopft mit Essays, 20 Stück. „Das ist höchste Reflexionsgefahr“, sagt Demand.

Sonst ist der „Merkur“ offen, für Themen, für Formate, für Erzählweisen, für Lyrik, für Biografisches. So ist es seit 1947 und so soll es weiterhin sein. Aber Demand hat seinen Vorgängern nichts versprechen müssen, als Konservator wäre er nicht angetreten. Die Alten lassen ihn machen, sie melden sich nur, wenn Christian Demand sie darum bittet. Mit seiner ersten Ausgabe, einem Heft über Europa, seien sie zufrieden gewesen. Das hat er jedenfalls gehört.

Änderungen sollen erst kommen, wenn sie inhaltlich begründet sind. „Nicht die Backen aufblasen“, sagt Demand, „nicht gleich die große Programmfahne hissen“. Ein neues Layout und die Einführung eines Editorials hat er erst einmal verworfen. Was aber kommen soll, ist ein Blog mit Kommentarfunktion, es soll den „Merkur“-Lesern Gehör verschaffen. Und da ist noch etwas: Die Autorenschaft soll jünger werden, und weiblicher. In einem kürzlich erschienenen Heft war Demand – Jahrgang 1960 – der jüngste Schreiber.

Das Luxuriöse an seinem Job ist, dass er sich ganz auf die „autoritative Glaubwürdigkeit“ seines „Merkur“ verlassen kann. Die Zeitschrift darf rote Zahlen schreiben, sie wird von der Ernst-H.-Klett-Stiftung getragen. Der „Merkur“ kann es sich leisten, die Aufgeregtheit des Medienzirkus’ zu ignorieren. Christian Demand kennt das gehetzte Nachrichtengeschäft, er war zehn Jahre lang beim Bayerischen Rundfunk. Dort lernte er auch Jubiläumsjournalismus à la „ein Jahr Fukushima“ kennen. „Diese Art von simulierter Aktualität ist lachhaft“, meint er. Der „Merkur“ muss keine Moden bedienen. Er darf es nicht, sonst wäre er überflüssig.

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