Intendantenwahl : In weiter Ferne so nah

Politik meets Media: Regierungssprecher Ulrich Wilhelm soll BR-Intendant werden. Gegenkandidat Rudolf Erhard werden wenig Chancen eingeräumt.

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Heißer Draht. Ulrich Wilhelm könnte direkt aus einer politischen Funktion heraus an die Spitze des Bayerischen Rundfunks wechseln. Und Angela Merkel hat eine Personalie.Foto:ddp
Heißer Draht. Ulrich Wilhelm könnte direkt aus einer politischen Funktion heraus an die Spitze des Bayerischen Rundfunks wechseln....Foto: ddp

Der Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks (BR) wählt den Intendanten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt. So wird es am Donnerstag geschehen, vermutlich am späten Nachmittag. Der Vorgang, für sich genommen, ist nach 60 Jahren ARD nicht weiter spektakulär, business as usual sozusagen. Wäre da nicht in jüngster Zeit die Causa Brender gewesen, die umstrittene Ablösung des unliebsamen ZDF-Chefredakteurs durch einen CDU-Politiker, die zu einer Glaubwürdigkeitskrise des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geführt hatte. Und wäre da nicht der Name des mutmaßlichen neuen BR-Intendanten: Ulrich Wilhelm. Ulrich Wilhelm? Richtig, den Namen liest und hört man zurzeit immer in der Nähe von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Wilhelm ist Regierungssprecher. Wilhelm ist CSU-Mitglied.

Wilhelms’ Wahl als neuer Intendant des Bayerischen Rundfunks ist nach Einschätzung vieler Beobachter mehr als wahrscheinlich. Für die Nachfolge von Thomas Gruber, der sein Amt nach neun Jahren vorzeitig abgibt, bewerben sich zwar zwei Kandidaten. Das Rennen zwischen Ulrich Wilhelm, 48, und dem langjährigen BR-Landtagskorrespondenten Rudolf Erhard, 58, ist alles andere als offen. Der Chef des Bundespresseamtes wird von der Mehrheit der Rundfunkratsmitglieder favorisiert. Als Gegenkandidat werden Erhard wenig Chancen eingeräumt.

Die Vorhersehbarkeit dieser Wahl ist nicht das Problem. Auch nicht die Person Ulrich Wilhelm, der von Nahestehenden als äußerst umgänglicher, gewissenhafter, völlig integrer, sprich, geeigneter Kandidat für ein Intendantenamt angesehen wird, ausgestattet mit viel Erfahrung beim Führen eines großen Apparates (Bundespresseamt). Gelernter Journalist und Jurist, kein plumper Parteigänger. Wilhelm genießt unter den Hauptstadtjournallisten einen tadellosen Ruf. Kein böses Wort, wo man auch hinhört. Fachlich und persönlich gibt es an dem Mann nichts auszusetzen, der 2002 Sprecher Edmund Stoibers im Bundestagswahlkampf war, und der seit 2005 erst für die schwarz-rote, dann für die schwarz-gelbe Regierung sprach.

Außergewöhnlich ist vielmehr der Umstand, dass der Sprecher einer unionsgeführten Bundesregierung mit CSU-Parteibuch innerhalb so kurzer Zeit Intendant des über Jahrzehnte CSU-dominierten Bayerischen Rundfunks wird. Zu gut in Erinnerung ist da noch die über ein Jahr währende Phase, als beim ZDF der Fall Brender zum Politikum wurde. Der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) arbeitete 2009 an der Ablösung des ihm offenbar nicht genehmen ZDF-Chefredakteurs. Mit Erfolg.

Kritikern nun gilt Wilhelms Intendanten-Nominierung als weiteres Beispiel für Parteibuch- und Vetternwirtschaft, mithin für die Abhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der doch zur Staatsferne verpflichtet ist. Quasi gestern noch auf der letzten großen Reise mit Angela Merkel zurück im Auto von Italien nach Deutschland, morgen an der Spitze des viertgrößten ARD-Senders. Dieses Szenario beklagen die einen. Andere wiederum verweisen auf die Beispiele Günter Struve (erst Redenschreiber von Willy Brandt, später ARD-Programmdirektor) oder Klaus Bölling (erst ARD-Mann, dann Regierungssprecher unter Bundeskanzler Helmut Schmidt). „Ist denn die Stärke der Parteien in den Sendern das Problem?“, fragt der ARD-Kenner und Journalist Friedrich Küppersbusch. „Wo die Parteien nicht sitzen, in den Privatsendern, findet gar keine (partei)politische Berichterstattung und Kontroverse statt.“

Die Kontroversen im BR dürfte Wilhelm schon bald vorantreiben. Thomas Gruber hatte seinen Rücktritt zum 31. Januar erklärt, somit begänne die Amtszeit des neuen Intendanten eigentlich erst am 1. Februar 2011. Intern gilt es jedoch als sehr wahrscheinlich, dass Wilhelm, sollte er am Donnerstag gewählt werden, deutlich früher seinen neuen Posten in München antritt. Der Bayerische Rundfunk hätte einen neuen Intendanten, dessen schwerste Aufgabe es sein dürfte, die finanzielle Konsolidierung des BR voranzutreiben, und Angela Merkel das vermutlich größte Personalproblem ihres ersten Amtsjahres in der schwarz-gelber Regierung. Anders als bei Bundespräsident Horst Köhler, der mit Petra Diroll ab Juni eine neue Sprecherin bekommt, ist völlig unklar, wer Nachfolger von Ulrich Wilhelm werden könnte.

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