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Wetter, Fußball-Live-Ticker, Fernsehprogramm: Wider Erwarten behauptet sich der Videotext auch im Internetzeitalter.

Sebastian Leber
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Hier kommen die Untertitel her. Die ARD-Textredaktion in Potsdam bearbeitet Livesendungen. Die Einblendungen werden auf Seite 150...Foto: RBB

Er ist verdammt pixelig. Die Texte sind kurz. Er zeigt weder Fotos noch Videos, bloß manchmal eine klotzige Grafik, die aussieht wie ein ästhetisches Denkmal an die Achtziger. Im Grunde spricht alles gegen den Videotext – trotzdem gibt es ihn noch.

16 Millionen Deutsche drücken jeden Tag auf die Fernbedienung, um an Informationen des Videotexts zu kommen: an die Nachrichten ab Seite 100, die Sportergebnisse ab 200, die Programmübersicht ab 300. Was noch mehr überrascht: Der Videotext hat in den letzten zehn Jahren nicht etwa Nutzer verloren, sondern dazugewonnen. Die Quotenmesser der GfK bescheinigen eine Steigerung um 60 Prozent. „Sicher, der Videotext ist ein Nischenmedium, aber ein sehr lebendiges“, sagt Lars Friedrichs, Teletext-Chef bei Sat1, Pro Sieben und Kabel 1.

Auf einer Seite können maximal 23 Zeilen mit je 40 Zeichen dargestellt werden. Eine Videotext-Meldung würde genau an dieser Stelle enden. Andererseits ist sie fast siebenmal so lang wie eine Twitternachricht. Und meistens reicht es für die wichtigsten Botschaften. Zum Beispiel Donnerstagmittag auf der Startseite der ARD: „Israel und Iran: Atomgespräche?“, „Rummenigge rügt Bayern-Profis“, und dann noch: „Olympisches Feuer eröffnet“. Der ARD-Videotext kommt aus Potsdam. 20 Redakteure und freie Mitarbeiter arbeiten hier im Schichtdienst, nur der Nachrichtenblock wird aus Hamburg von den Kollegen der „Tagesschau“ eingespeist. Chefin Frauke Langguth weiß, warum der Videotext weiter nachgefragt wird: „Zum Beispiel das Wetter: Wenn ich nur wissen will, ob ich einen Schirm brauche oder nicht, warum sollte ich extra den Rechner hochfahren?“ Lieber auf der Fernbedienung die Seite 171 drücken. Das Videotext-Angebot der ARD wird am häufigsten nachgefragt, es folgen RTL, ZDF und Sat1.

Zur Jahrtausendwende glaubten die wenigsten, dass der Videotext die Internetkonkurrenz überleben werde. Jetzt scheint es eher andersherum zu sein: Die Nutzung des Videotextes nimmt zu, weil die Menschen durch das Internet gelernt haben, gezielt nach Informationen zu suchen. „Wir profitieren von dem Bedürfnis, das bei den Jüngeren ausgeprägt ist: Dieses ,Ich will jederzeit alles wissen können‘“, sagt Lars Friedrichs. Durchschnittlich anderthalb Minuten verbringt jeder Nutzer pro Tag im Videotext. Die GfK misst auch die sogenannten Peaks, die Hauptzugriffszeiten: abends um 20 Uhr auf den Programmseiten und sonnabends während der Bundesliga-Partien.

Die Sender versuchen, ihr Videotext-Angebot weiterzuentwickeln. Seit September setzt die ARD auf ihrer Startseite regelmäßig Eilmeldungen ab. Und RTL plant für das kommende Jahr die Videotext-Revolution: Ein neues System soll die Einbindung hochaufgelöster Bilder und sogar Videos ermöglichen, allerdings nur für Fernseher mit HD-Anschluss oder Zusatzgerät. Das Konzept wurde dieses Jahr auf der Ifa vorgestellt, dort, wo 1977 erstmals der Teletext in Deutschland präsentiert wurde. Es dauerte drei Jahre, bis er im Juni 1980 bei ARD und ZDF auf Sendung ging – nicht ohne Proteste. Im Internet findet sich heute noch ein „Abendschau“-Beitrag vom Mai 1980, in dem Moderator Richard Schneider offen seinen eigenen Arbeitgeber kritisiert: „Die Frage ist, wer denn das alles haben will und ob man so etwas wie Videotext überhaupt braucht!“

Während die großen Sender auf den Dreiklang Politik, Sport und TV-Programm setzen, versuchen sich die kleinen mit Spezialangeboten abzusetzen. N-tv informiert über Optionsscheine und Zertifikate, Viva listet seitenweise Hitparaden auf: Single-Charts, Album-Charts, Kino-, US- und Download-Charts, nicht zu vergessen die Club Rotation Dance Charts. 9Live bietet spirituelle Lebenshilfe, wenn man eine kostenpflichtige Telefonnummer anruft: Barica berät mit Heilsteinen und Engelskarten, Maaniyas Spezialgebiete sind „Pendeln, Hellsehen und fühlen“. Geld verdienen auch die übrigen Privatsender, etwa mit Anzeigen für Sexkontakte und schufafreie Kredite. Zahlen nennen sie nicht, aber die Angebote sind „sehr rentabel“, sagt Lars Friedrichs, der Teletext-Chef von Sat1 und Pro Sieben. Das liegt auch an den beworbenen Telefonumfragen. Bei RTL kostet der Anruf 25 Cent, am Donnerstag hieß es: „Sind Bankmanager raffgierig?“ 85 Prozent stimmten mit Ja.

Die ARD setzt via Videotext verstärkt auf Untertitelung, auch bei Liveveranstaltungen. Eine automatische Spracherkennung wandelt die Worte des Kommentators in Schrift um. Noch kommt es zu kleineren Patzern, bei der Fußball-EM wurde aus „Der vierte Schiedsrichter assistierte an der Linie“ der Satz „Der vierte Schiedsrichter aß Tiere an der Linie“. Aber das wird. Gute Technik braucht Zeit zum Reifen.

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