Internet als Lebensveränderer : Ich weiß mehr als deine Mutter

Eine Datingseite für glutenfreie Singles, Pitbulls mit Blumenkranz auf dem Kopf: Unser Autor verbringt viel Zeit im Internet. Und kann das nun endlich rechtfertigen.

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Viel Gefühl, kein Gluten.
Viel Gefühl, kein Gluten.Screenshot

Sieben Dinge, die ich diese Woche erfahren durfte, in der Reihenfolge der in mir ausgelösten Verwunderung: 1. Die französische Fotografin Sophie Gamand setzt Pitbulls pastellfarbene Blumenkränze auf den Kopf, um ihnen so ein lieblicheres Image zu verschaffen. 2. Ein feuerzeuggroßes Plastikgerät namens pd.id erkennt per Eintunken, ob einem jemand Drogen in den Drink geschüttet hat, es kostet nur 56 Euro. 3. Auf Wikipedia wird diskutiert, ob es den eigenständigen Fachbegriff „Antirussismus“ braucht oder ob das nur ein Synonym für Russenfeindlichkeit wäre. 4. Mehr als 93 Prozent aller Opfer von Hai-Angriffen sind Männer. 5. Der Pappkern einer Toilettenpapierrolle lässt sich prima aufschneiden und zum Zusammenklammern von Geschenkpapierrollen verwenden. 6. Eine US-Firma bringt Pfefferspray auf den Markt, das bei Benutzung automatisch Fotos vom Angreifer schießt. 7. Es gibt eine Datingseite ausschließlich für Menschen, die sich glutenfrei ernähren müssen. Sie wurde geschaffen, damit sich glutenverachtende Erwachsene nie mehr allein oder lästig fühlen. Partner, die über glutenfreesingles.com zusammenfinden, müssen nicht zwangsläufig Geschlechtsverkehr haben. Sie können sich ebenso gut bloß zum Essen treffen.

All dieses Wissen flog mir zu, ohne dass ich danach gesucht hätte. In nur einer Woche. Meine Mutter hat von diesen Dingen nichts mitbekommen, weil sie das Internet weniger liebt als ich. Nun ist sie seit zweieinhalb Jahrzehnten mit einem Mann verheiratet, dem Gluten keine Probleme bereitet, Pitbulls interessieren sie ebenfalls nicht groß.

Die obigen Erkenntnisse werden auch mein Leben nicht nachhaltig bereichern. Dem Argument „Du vertrödelst im Netz deine Zeit“ habe ich in der Vergangenheit wenig entgegnen können. Bis vorgestern. Da ließ ich kurz mein Bügeleisen auf dem Brett liegen, schon war die Plastikoberfläche des Brettbezugs verbrannt, klebte am Eisen, ging partout nicht mehr ab. Natürlich habe ich meine Mutter angerufen. Sie konnte mir nicht helfen. Dann habe ich meine Oma gefragt, die wusste auch keinen Rat. Das soll jetzt bitte nicht repektlos klingen, aber: Ich hätte vermutlich auch Ihre Mutter anrufen können, es hätte nichts gebracht. Nein, es war eine englischsprachige Forumsseite im Internet, die mir am Ende half. Zehn Minuten später war mein Problem gelöst.

Vorgestern war der Tag, an dem meine Mutter ihre Überzeugung aufgab, das Internet sei bloß ein weiteres Medium. Ich habe ihr dann Lesezeichen für Buzzfeed, Know Your Meme, Boing Boing und Schlecky Silberstein angelegt. Wie es ihr damit ergeht, werde ich bald an dieser Stelle berichten. Ach ja, falls Sie auch mal in Not geraten: das Eisen mit einer halbierten Zitrone einreiben, erhitzen, mit einem alten Handtuch abrubbeln, erkalten lassen, den Rest vorsichtig abkratzen.

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