Internet : Der Online-Kollaps

2010 droht der Zusammenbruch des Internets, warnt eine Studie aus den USA. 140 Millionen Dollar müssten demnach in die Infrastruktur investiert werden, damit die Datenübertragung nicht auf Modem-Geschwindigkeit zurückfällt.

Kurt Sagatz

Es war im September 1998. Die Veröffentlichung des so genannten „Starr-Reports“ über die Affäre von Bill Clinton und Monica Lewinsky brachte den US-Präsidenten beinahe zu Fall – und das Internet an den Rand des Zusammenbruchs. Allein in den ersten Stunden nach der Veröffentlichung stürzten sich 25 Millionen Amerikaner auf die mit pikanten Details gespickte Online-Fassung des Dokuments und sorgten so für den ersten Mega-Stau auf der weltweiten Datenautobahn. Damals hielt das Netz stand, nicht zuletzt weil der „Starr-Report“ auf verschiedensten Webseiten gespiegelt wurde. Doch schon im Jahr 2010 könnte das Internet tatsächlich kollabieren. Das wird zumindest in einer Studie der US-Consultingfirma Nemertes Research prophezeit.

Nur wenn in den nächsten Jahren weltweit fast 140 Milliarden Dollar – umgerechnet rund 95 Milliarden Euro – in die Infrastruktur des Internets investiert würden, könne verhindert werden, dass die Datenübertragung auf das Tempo eines piepsenden Analog-Modems zurückfällt, sagte Nemertes-Chef Johna Till Johnson in „USA today“. Das nächste Amazon, Google oder YouTube bekomme so gar keine Chance, weil eine zu geringe Bandbreite solche Anwendungen gar nicht zulassen würde, warnt die Studie. Auftraggeber der Nemertes-Studie ist der US-Breitbandprovider-Verband „Internet Innovation Alliance“.

Die amerikanischen Internet-Firmen stehen derzeit vor großen Herausforderungen. Rund die Hälfte der Internet-Nutzer in den Staaten beziehen ihren Anschluss über das Fernsehkabel. Die Infrastruktur besteht größtenteils aus Kupferkabeln, die nun gegen Glasfasersysteme ausgetauscht werden müssen. Zudem macht die derzeitige Technik zwar die Übertragung größerer Datenmengen vom Internet zum Nutzer möglich, in der Gegenrichtung müssen die Daten jedoch durch einen Flaschenhals. Dabei wollen immer mehr Nutzer ihre selbst produzierten Fotos, Videos oder Musikstücke versenden.

Das Hauptproblem sind die interaktiven Anwendungen und – Youtube sei Dank! – das Interesse der Nutzer an bewegten Bildern. Allein im Mai, so die Studie, seien über acht Milliarden Videos durchs Netz geflimmert. Viele Probleme in den USA sind hausgemacht. „Es ist wie bei den Autobahnen. Die Amerikaner bauen 20 Highways und schauen dann zu, ob der Verkehr läuft“, sagt Harald Summa vom deutschen Internet-Providerverband eco. Auch in Deutschland nimmt der Internet-Verkehr sprunghaft zu – ohne dass es zu Engpässen kommt. „Innerhalb der letzten zwölf Monate hat sich die Menge der übertragenen Daten am zentralen deutschen Austauschpunkt in Frankfurt am Main verdreifacht, nachdem bereits in den beiden Jahren zuvor eine dramatische Traffic-Zunahme verzeichnet wurde“, erklärt Summa, zu dessen Verband der Großteil der deutschen Internetprovider mit Ausnahme der Telekom gehört.

Weder der Aufschrei der amerikanischen Internet-Firmen noch die zunehmende Videonutzung muss deutsche Internet-Nutzer jedoch in Besorgnis stürzen. Der Video-Flut wird in Europa nicht nur mit dickeren Leitungen, sondern auch mit neuen, intelligenteren Verteiltechniken begegnet. „Ein Vorreiter ist die BBC, die zusammen mit den britischen Providern die so genannte Multicast-Technik vorantreibt“, sagt Harald Summa. Derzeit erhält jeder Nutzer quasi eine eigene Kopie des Videos. Bei Multicast wird ein Video ähnlich wie bei einer normalen TV-Übertragung zur Entlastung des Netzes gleich an eine Gruppe geschickt. Auch die von den Musiktauschbörsen eingesetzte Peer-to-Peer-Technik macht sich im Videozeitalter bezahlt. Jeder Empfänger wird dabei zugleich zum Sender, dessen eigener PC die Videos nicht nur abruft und abspielt, sondern zugleich auch für andere Nutzer zur Verfügung stellt. Auch im größeren Rahmen wird immer mehr auf Dezentralisierung gesetzt. So wird der zentrale Internet-Knoten in Frankfurt inzwischen von mehreren regionalen Austauschpunkten in Berlin, Hamburg und München ergänzt.

Ohne Investitionen geht das nicht. Dennoch spricht nichts dafür, dass die Internet-Kosten absehbar wieder steigen. „Ziel des DSL-Preiskampfes ist es ja schließlich“, so Summa, „durch möglichst günstige Flatrates den Kunden erst zu holen und dann zu halten. Mit Preiserhöhungen kann man das nicht erreichen“ – und mit langsamen Internetleitungen auch nicht. „Sicher sind auch in Zukunft Ereignisse denkbar, die den Abruf von bestimmten Seiten erschweren. Das Netz wird dann möglicherweise ruckeln und zucken. Kollabieren wird es nicht“, sagt Internet-Experte Harald Summa.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben