Internet : "Goldklumpen im Schlammstrom“

Nikolaus Merck, Chefredakteur des Online-Portals nachtkritik.de, über das Theater im Netz. Ein Interview.

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Foto: promo

Herr Merck, warum entdeckt das Theater jetzt das Internet?



Das Theater entdeckt nicht das Internet. Es entdeckt eher, dass es im Internet etwas Interessantes über das Theater gibt – nämlich nachtkritik.de. Die Aufmerksamkeit ist letzten Endes unvermeidlich, wenn man im Internet zwei Jahre lang jeden Tag auf Sendung ist. Dadurch, dass so viele verschiedene Theater in unseren Kritiken vorkommen und ihre Arbeit öffentlich bemerkt wird, werden wir bei Publikum und Theatermachern gleichermaßen wichtig. Die alten Plattformen, die Feuilletons der Printmedien, bieten ja immer weniger Platz. Dort herrscht oft die Meinung vor, Theater sei als Kunstform nicht mehr wichtig. Das sehe ich natürlich anders.

Die Diskussionsforen bei nachtkritik.de gelten als Arenen für virtuelle Schlammschlachten. Ist die Randale Teil des Konzepts?

Das wird zwar immer geschrieben, stimmt so aber nicht. Die Entwicklung auf nachtkritik.de zeigt: Es geht weg von der großen Schlammschlacht, weg von der ungeregelten Pöbelei hin zu sachlichen Debatten. Und alles was beleidigend, zu persönlich oder sogar strafrechtlich relevant ist, filtern wir aus. Aber wir sagen auch ganz klar: Wir veröffentlichen nicht nur den sachlichen Kommentar, sondern auch die Polemik.

Warum? Weil nur der Laute gehört wird?

Nein, wir machen das nicht aus Lust am Krawall. Aber ohne Polemik kommen einfach keine sachlichen Argumente. Die Goldklumpen sind im Schlammstrom, man kriegt sie nicht pur. Und der eigentliche Clou von nachtkritik.de ist auch, dass wir uns nicht als Scharfrichter über die jeweilige Aufführung aufspielen, indem wir ein endgültiges Urteil fällen. Wir liefern mit unseren Kritiken „Vor-Würfe“, Angebote zur Diskussion. Es war von vorneherein unsere Absicht, die Einbahnstraße zwischen Kritiker und Adressat aufzuheben – und dem Publikum wie den Theatermachern die Möglichkeit zu geben, zurückzuschreiben.

Wie verändert Ihr Portal die Rolle des Kritikers, wenn er aus dem Elfenbeinturm des Feuilletons ins wilde Web 2.0 geworfen wird?

Zunächst ist da natürlich die erschreckende Erfahrung, dass plötzlich jemand antwortet. Nach dem Motto: „Herr Merck, Sie sind ja nicht ganz bei Trost, Sie haben ja überhaupt nichts verstanden.“ Damit haben vor allem diejenigen Probleme, die nie den Resonanzkörper einer Redaktion kennengelernt haben, vor dem sie spielen konnten. Die Treffen dann auf das Kommentarwesen bei nachtkritik.de – und sind erst mal geschockt. Aber mit der Zeit bekommt man ein dickes Fell.

Was sind die Vorwürfe, mit denen sich Ihre Kritiker konfrontiert sehen?

Das geht von A bis Z. Von „haste überhaupt nicht gesehen“, über „ist sowieso gekauft“ bis zu „du bist nicht qualifiziert, da lese ich lieber die FAZ“. Aber eigentlich stehen die Kritiker gar nicht im Zentrum, die Kommentatoren diskutieren am liebsten miteinander und überziehen sich gegenseitig mit Vorwürfen und Verdächtigungen. Die Kritik ist die Diskussionsgrundlage für das, was danach kommt. Wie gesagt: Die Kritik ist ein „Vor-Wurf“, der Versuch, etwas zu gründen, eine Grundlage zu geben.

Die Rezensionen auf nachtkritik.de sind schon am Morgen nach der jeweiligen Premiere im Netz. Was sind die Zutaten einer guten Kritik? Rotwein und Zigaretten?

Mit dem Rotwein muss man vorsichtig sein, die Müdigkeit schlägt erbarmungslos zu. Ich denke, gut ist eine Kritik, die einerseits den Gegenstand beschreibt und ihn andererseits mit Lichtern versieht. Das sind dann die subjektiven Eindrücke, die die Nachtkritiken stark machen. Deshalb wollen wir durchaus Leute, die sich mit der Aufführung ins Verhältnis setzen. Die müssen nicht von „glaubwürdigen“ Schauspielern schreiben und einem „berührenden Abend“, das sind Leerformeln. Klar, wir brauchen Urteile, was war gut, was war schlecht, das erwartet man von einer Kritik. Aber man will es plastisch gemacht haben, und unterhaltsam geschrieben.

Was war die schnellste Kritik, die Sie je über Nacht geschrieben haben?

Ich habe es einmal geschafft, in zwei Stunden fertigzuschreiben. Danach habe ich aber noch zwei Stunden redigiert, hier mal ein Wort ausgewechselt, da mal einen Satz weggetan. Aber es gibt Kollegen, bei denen endet die Vorstellung um halb zehn und um halb zwölf liefern sie den fertigen Text. Normalerweise kommen die Texte aber morgens so zwischen fünf und halb acht in der Redaktion zusammen.

Braucht die Beurteilung einer komplexen Inszenierung nicht mehr Zeit?

Gegenfrage: Hilft der halbe Tag mehr zu tieferer Reflexion? Die „FAZ“ wollte früher fertige Kritiken um elf Uhr morgens haben. Ist das dann die mit mehr Bedachtsamkeit geschriebene Kritik? Ich denke nicht. Sicher, manchmal ändern sich Eindrücke, aber das ist beim schnellen Schreiben in der Nacht genauso der Fall. Der Unterschied ist lediglich, das man den berühmten ersten Satz schneller aufschreibt – und dann den Weg bis zum Ende geht.

Für nachtkritik.de schreiben rund 40 Autoren über 50 Kritiken pro Monat – ein großer Aufwand. Wie finanziert sich Ihr Portal?

Über ein privates Darlehen, eingebracht aus dem Redaktionsumfeld. Die Werbung bringt nicht genug ein, damit wir kostendeckend arbeiten können. Die Investoren stehen leider auch nicht Schlange. Gerne würden wir unser Konzept ausweiten, auf Kinder- und Musiktheater oder auf eine internationalere Perspektive hin. Aber das können wir nicht stemmen, weder materiell noch personell.

Wie gewinnen Sie Ihre Autoren?

Indem sie sich bei uns mit Probetexten bewerben. Zu Beginn haben wir in unserem Umfeld gesucht, die Gründer, Petra Kohse, Esther Slevogt, Dirk Pilz und ich, dazu der Internet-Experte Konrad von Homeyer, waren ja alle Theaterkritiker. Und um auf den alten Vorwurf zurückzukommen, wir wären die, die es in die Zeitungen nicht geschafft hätten: Wir alle und die überwiegende Mehrzahl der Korrespondenten sind Autoren, die für Fachzeitschriften, Radio und Tageszeitungen schreiben oder geschrieben haben.

Nikolaus Merck, 52, ist Chefredakteur und Gründungsmitglied des Theaterportals nachtkritik.de, das in diesem Jahr für den Grimme Online Award nominiert ist.

Das Interview führte Adrian Pickshaus.

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