Internet : Google News und seine Fehler

Wegen einer sechs Jahre alten Nachricht verlor die Aktie von United Airlines drei Viertel ihres Wertes. Der Text über die Insolvenz des Unternehmens gelangte automatisch auf die Webseite Google News - mit katastrophalen Folgen.

Kurt Sagatz

Am Ende wollte keiner verantwortlich sein: weder die „Chicago Tribune“ und der „South Florida Sun-Sentinel“ noch die Finanzagentur Bloomberg, und schon gar nicht Google mit seiner Nachrichtensuchmaschine. Alle zusammen hatten es jedoch beinahe geschafft, den Aktienkurs der US-Fluggesellschaft United Airlines zum Absturz zu bringen, der wegen einer sechs Jahre alten Nachricht am Wochenbeginn vorübergehend drei Viertel seines Wertes verlor.

Die Geschichte über die Insolvenz von United Airlines vor einigen Jahren hatte es über einen außergewöhnlichen Weg aus den Archiven via Google News in die Finanzwelt geschafft. So wurde die Nachricht der „Chicago Tribune“ aus dem Jahr 2002, die auch auf der Internetseite des „South Florida Sun-Sentinel“ veröffentlicht wurde, am Wochenende so häufig angeklickt, dass der undatierte Text auf der Favoritenliste der Webseite unter die Top 10 gelangte und dort vom Google-Suchroboter entdeckt wurde. Bei Google News werden die Fundstellen jedoch nicht nach dem Veröffentlichungsdatum sortiert, sondern nach dem Zeitpunkt, an dem Google die Geschichte gefunden hat. So schickte ein Mitarbeiter eines Börsenbriefs die alte Nachricht als heiße News über den Ticker, über den sie zu Bloomberg und von dort in die Analyseprogramme der Börsenmakler gelangte, die United prompt auf Verkaufen setzten.

Dass die Nachricht überhaupt bei Google News landen konnte, hängt auch damit zusammen, dass diese Seite ausschließlich von Computerprogrammen erstellt wird. In Deutschland werden dazu rund 700 Nachrichtenseiten durchsucht. Die Treffer werden dann nach Themenfeldern sortiert und nach Bedeutung gewichtet.

Die Zeitungsverlage betrachten Google News darum ohnehin mit gemischten Gefühlen. Einerseits sei man alles andere als amüsiert, wenn die mit hohem Aufwand erstellten Nachrichten von Google wie mit einem Staubsauger abgesaugt würden, sagt Hans-Joachim Fuhrmann, Sprecher des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger BDZV. Andererseits wüssten auch die Verlage, dass über Google News viel Traffic auf die eigene Webseite gelenkt werde. Das United-Beispiel habe aber gezeigt, wie gefährlich es sein kann, wenn statt Menschen allein Maschinen über das Ranking von Nachrichten entscheiden. Überdies dürfe man sich nichts vormachen: „Dem Megaplayer Google gehe es weltweit darum, den Werbemarkt für sich zu entscheiden“, warnt Fuhrmann. Das betrifft nicht nur die Google-Suche oder Google News, sondern auch das Archiv. Google hatte gerade erst angekündigt, über Google News künftig auch die Zeitungsarchive zu erschließen. Jeder Verlag sollte es sich gut überlegen, ob man diesen Schatz nicht allein heben möchte.

An die Verlage appelliert auch Michael Konken, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes DJV. Je wichtiger die Technik werde, desto mehr würden gut ausgebildete Journalisten als Gatekeeper benötigt. „Wer glaubt, dass Technik die Probleme des Journalismus im 21. Jahrhundert löst, wurde durch diese Panne bei Google News eines Besseren belehrt“, sagte Konken dem Tagesspiegel. „Was wäre, wenn hier manipulativ gearbeitet würde“, fragt der DJV-Chef.

Viele der Menschen, die regelmäßig das Netz nach Nachrichten absuchen und dabei zwangsläufig auch Google News einsetzen, übersehen überdies den kleinen Hinweis „Beta“, der sich in seinem dezenten Hellgrau unter dem Google-Namenszug versteckt. In der Welt der Computer und des Internets steht Beta für eine unausgereifte Vorserienversion eines Produkts, das kurz vor der Marktreife steht und den Nutzern schon einmal zum Ausprobieren zur Verfügung gestellt wird. Die Entwickler können so letzte Schwachstellen ausbügeln, damit die finale Version dann kurze Zeit später zur Verfügung steht. Bei Google dauert das jedoch schon mal länger. Google News war im März 2003 als Beta-Version gestartet.

Dass der United-Kurssturz in keiner Katastrophe endete, ist übrigens keinem Computer, sondern einem Mitarbeiter der Börsenaufsicht zu verdanken, der den Handel mit dem Wertpapier aussetzte. Daraus zu schließen, dass die Börse aus dem „Schwarzen Montag“ von 1987 – der Crash wurde damals zwar nicht von den Computern ausgelöst, aber extrem beschleunigt – etwas gelernt hat, wäre verfehlt. So wie im Internet Google immer dominanter wird, nimmt im Börsenwesen der automatisierte Handel weiter zu. Ein Viertel aller Umsätze werden Börsenexperten zufolge bereits an der New York Stock Exchange vom Computer generiert.

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