Internet hungert nach News : So bizarr, also wahr?

120 Hunde zerfleischen den Onkel von Machthaber Kim Jong Un - oder doch nicht? Warum sich Horrorberichte über Nordkorea wie ein Lauffeuer weltweit verbreiten können.

Stephan Scheuer, dpa
Jang Song Thaek war böse.WEN WEI PO] In einer Fernsehansprache rechtfertigte Diktator Kim Jong Un die Hinrichtung seines Onkels. Foto: dpa
Jang Song Thaek war böse.WEN WEI PO] In einer Fernsehansprache rechtfertigte Diktator Kim Jong Un die Hinrichtung seines Onkels....Foto: dpa

Ein Spitzenpolitiker wird angeblich von 120 ausgehungerten Jagdhunden zerfleischt. Die international vermeldete Geschichte klingt so menschenverachtend und brutal, dass sie scheinbar nur zu einem Regime auf der Welt passt: Nordkorea. „Niemand weiß genau, was sich in dem Land abspielt“, sagte kürzlich ein Diplomat einer westlichen Botschaft in Nordkorea beim Besuch in Peking. Und deshalb können sich auch die obskursten Geschichten mit wackeligen Quellen wie ein Lauffeuer international verbreiten.

Die Zeitung „Straits Times“ aus Singapur brachte die Geschichte von den hungrigen Hunden am 24. Dezember in die englischsprachige Medienwelt. Das Opfer solle der bei Machthaber Kim Jong Un in Ungnade gefallene Onkel Jang Song Thaek gewesen sein.

Entgegen den internationalen Berichten sei Jang im Dezember bei seiner Hinrichtung nicht erschossen worden, sondern gemeinsam mit fünf engen Vertrauten 120 Jagdhunden zum Fraß vorgeworfen worden. Die Tiere seien drei Tage lang ausgehungert worden und hätten die Männer komplett zerfleischt. Eine Stunde habe der Todeskampf gedauert - und Kim Jong Un habe zugeschaut. Als Quelle dafür zitiert die Zeitung lediglich das Hongkonger Blatt „Wen Wei Po“.

Die „Wen Wei Po“ hatte am 12. Dezember zwar über die angeblich blutrünstige Hinrichtung von Jang Song Thaek berichtet. Zwei Tage später schrieb das Blatt jedoch, Jang Song Thaek sei vermutlich erschossen worden und es habe nur Gerüchte über die 120 hungrigen Hunde gegeben.

Dessen ungeachtet sprangen zahlreiche internationale Fernsehsender und Zeitungen vor wenigen Tagen auf das Thema auf. Die Geschichte nahm ihren Lauf. Doch mittlerweile stimmen immer mehr Medien kritische Töne an. Der Horrorbericht sage vermutlich mehr über die Erwartungen aus dem Ausland aus als über Nordkorea selbst, heißt es in einem Blogeintrag bei der „New York Times“.

Die „Wen Wei Po“ gilt laut einer Studie als eine der unzuverlässigsten Zeitungen Hongkongs. Bei einer Erhebung der Chinese University in Hongkong landete sie auf Platz 19 von 22, wie die Zeitung „South China Morning Post“ berichtete. Zudem hätte es die internationalen Journalisten stutzig machen können, dass außer der „Wen Wei Po“ kein anderes Medium in China die Geschichte aufgegriffen hatte, hieß es in der Onlineausgabe des US-Magazins „Time“.

Kein Zweifel: Nordkorea geht brutal mit vielen seiner Menschen um. Amnesty International spricht von einer „verheerenden Menschenrechtslage“, Millionen hungernden Menschen und rund 200 000 politischen Gefangenen. Aber im Fall von Nordkorea hätten manche Medien einfach alle Warnsignale vernachlässigt. „Wir sind bereit, alles zu glauben“, kritisierte der Autor Max Fischer in einem Blog der „Washington Post“.

Mit dem unersättlichen Hunger des Internets nach bizarren Nordkorea-Geschichten könne irgendwann jeder alles Beliebige behaupten, schrieb Joshua Keating für das Magazin „Slate“. Schließlich mache sich das Regime auch nicht die Mühe, einzelnen Berichten zu widersprechen.

Der Nordkorea-Experte Sunny Seong Hyon Lee sagte vor einigen Wochen vor Journalisten in Peking: „Nordkoreas Regime ist weitgehend abgeschottet.“ Nicht einmal die internationalen Botschafter in Pjöngjang wüssten, was wirklich in dem Land passiere. Denn sie dürften nicht mit normalen Nordkoreanern reden, geschweige denn sich frei in dem Land bewegen. Auch die Diplomaten des engen Verbündeten China wüssten nicht immer genau, was der Machthaber Kim Jong Un gerade plane. dpa

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