Internet : Mein Youtube, mein Krieg

Propaganda 2.0: Israel und die Hamas liefern sich auch im Internet Gefechte. Die Schreckensbilder schlagen im Takt der echten Raketen ein.

Markus Ehrenberg,Kurt Sagatz
Youtube
Gaza im Fadenkreuz. -Screenshot: Tsp

Der öffentlich-rechtliche französische Sender France 2 ist bei seiner Bericht erstattung über den Gaza-Konflikt einem Propaganda-Video aufgesessen. France 2 hatte am Montag ein Video ausgestrahlt, das angeblich die Opfer eines israelischen Angriffs am 1. Januar zeigte. In Wirklichkeit handelte sich um Bilder, die im Jahr 2005 entstanden und die Folgen einer durch einen Unfall ausgelösten Explosion zeigten. Der Sender musste sich darauf für die falsche Berichterstattung entschuldigen. Das wurde am Mittwoch bekannt und wirft auch ein Schlaglicht auf die Erklärungen und Bilder, die in diesen Tagen zum Gaza-Konflikt zu Tausenden über das beliebte Internet-Videoportal Youtube in die Welt hinausgehen, teilweise mit einer halben Million Abrufen oder mehr. Orientierung in diesem Angebot fällt schwer, zumal ausländische Journalisten nicht in den Gazastreifen dürfen, um sich ein eigenes Bild zu machen. Die israelische Armee und der arabische Sender Al Dschasira haben Kanäle auf der Plattform eingerichtet, um ihre Version der Wirklichkeit zu verbreiten.

Propaganda, sagen die einen. Das israelische Militär sieht die Medienkampagne als erfolgreich an. Die Berichterstattung sei nicht einseitig, heißt es, die Welt verstehe das Recht Israels auf Selbstverteidigung. Auch über Handys könnten die Videos heruntergeladen werden. „Die neuen Medien ermöglichen es, Inhalte zu jeder Zeit auf allen existierenden Plattformen zu präsentieren“, lässt sich Leutnant Dinor Shavit, Kommandeur der Filmabteilung, beim Internetmagazin Telepolis zitieren, als handele es sich bei Bombenfilmen um Klingeltöne. Experten sind skeptisch, dass solche Propaganda irgendetwas bewirkt, auch wenn darüberhinaus unabhängige Augenzeugen Videos ins Netz stellen. „Das neue Medium ist Mobilisierungsinstrument. Es stärkt Vorurteile, stimmt keinen um“, sagt Politologe und Friedensforscher Michael Brzoska.

Dennoch: Dieser Krieg wird vom Militär als „Wartainment“, als Medienspektakel, inszeniert. Um sich selbst ein Bild davon zu machen, mit welcher Macht die Videos vom Gaza-Krieg auf Youtube drängen, reicht es nicht aus, einfach nur das Suchwort „Gaza“ in das Youtube-Suchfeld einzutragen. Aufschlussreicher wird das Suchergebnis, wenn in den erweiterten Suchoptionen die Sortierung von „Relevanz“ auf „Datum“ umgestellt wird. Nun lässt sich beobachten, mit welch hoher Frequenz ständig neue Videos aus dem Kriegsgebiet hochgeladen werden. „Vor 4 Minuten, vor 8, 9, 11 Minuten“ – die Schreckensbilder schlagen im Takt der echten Raketen ein. Bei diesem hohen Tempo bleiben allerdings viele Filme wirkungslos. Die fast 60 Videos, die in einer Stunde bei Youtube hochgeladen werden, bleiben fast alle ohne Abrufe. Selbst nach zwei, drei Stunden hat sich für die meisten noch niemand interessiert. Es muss erst ein Tag vergehen, bevor die Videos auch gefunden werden.

Anders sieht das bei den „Gesponserten Links“ auf Youtube aus. „Die Lage in Gaza – Erfahren Sie, warum Israel kämpft – Hamas in Gaza – Frieden unterstützen“, fordert der dahinter stehende Kanal IsraelMFA auf. „Eine Institution wie das israelische Außenministerium kann bei Youtube einen eigenen Kanal einrichten und dafür auch gezielt werben“, erläutert der deutsche Firmensprecher Henning Dorstewitz. Allerdings in klar umrissenen Grenzen. So sind Anzeigen gegen eine Organisation, Person oder Gruppe nicht gestattet. Konkret wird von IsraelMFA im Rapid-Response-Verfahren, das sonst in politischen Wahlkämpfen zum Einsatz kommt, auf Aktionen des militärischen Gegners reagiert. Dass die Explosionen in einer Schule in Gaza-Stadt so heftig ausfielen, habe an dem dort versteckten Sprengstoff gelegen, erfährt so unter anderem der Youtube-Nutzer. Über 4500 Mal wurde das Video abgerufen, andere Reaktionen kommen auf 2200 Aufrufe oder nur auf 218. Es bleibt zweifelhaft, ob sich dieses Themensponsoring auszahlt. Diese Frage muss sich auch die Marketingabteilung der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ stellen lassen. „Ohnmächtiges Mitleid für die Bevölkerung. Jetzt online bei FAZ!“, wirbt die Zeitung bei Google und in Youtube im Gaza-Umfeld direkt unter dem „Sponsored Link“ der Israelis für ihren Politikteil.

http://youtube.com/IsraelMFA

http://youtube.com/AlJazeeraEnglish

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