Internet : Per Mausklick zur Macht

Seit etwas mehr als einem Jahr führt Angela Merkel einen eigenen Videoblog. Doch ihre politischen Botschaften verhallen meistens ungehört. Erfolgreicher ist da die Internetoffensive der britischen Regierung.

Sabine Pamperrien
Screenshot_Merkel
Kanzlerin Online. Angela Merkel in ihrem wöchentlichen Video-Podcast. -Schreenshot: Tsp

Im Juni 2006 schickte Angela Merkel ihre erste Videobotschaft ans Volk. Wöchentlich erläutert die Kanzlerin seither in eineinhalb- bis dreiminütigen Clips die gerade aktuellen Themen ihrer Agenda. Ein gutes Jahr nach dem ersten Beitrag ist noch immer umstritten, ob das Medium des Videoblogs von Merkel und ihren Beratern gut gewählt war.

Trotz der großen, auch international positiven Resonanz auf die Online-Affinität der deutschen Kanzlerin hagelte es Kritik an der Umsetzung. In ihren Videos wirkte sie lange, als lese sie vom Teleprompter ab. Steif und unpersönlich absolvierte sie ihre Auftritte. Sie selbst erzählte in einem Interview, sie habe von Anfang an frei gesprochen. Inzwischen ist eine gewisse Routine zu erkennen. Die Texte wirken nicht mehr wie abgelesen, dafür aber wie auswendig gelernt. Die Themen greifen selten Tagesaktuelles auf. Wenn dann doch tragische Ereignisse wie der Tod des kleinen Kevin in Bremen eine Stellungnahme nach sich ziehen, überwiegt nie persönliche Anteilnahme, sondern immer der politische Entwurf zur Abhilfe.

Emotionalität und Subjektivität fehlen gänzlich

Im letzten Video erklärt Merkel die Ziele ihrer Asien-Reise. Sie will unter anderem die Menschenrechtsverletzungen ansprechen. Wie riskant das ist und zu welchen Kompromissen sie gezwungen sein könnte, erwähnt sie nicht. Auch hier ist von der Empathie und Subjektivität, die für Experten das Blogging und Vlogging ausmachen, nichts zu bemerken. Nur bei ihrer Video-Führung durch ihr Büro für den jüngsten Tag der offenen Tür der Bundesregierung erscheint die Kanzlerin etwas lockerer und ringt sich sogar ein Lächeln ab. Allerdings: Wäre Merkel noch authentisch, wenn sie plötzlich Emotionen ausspielen würde?

Beim Presse- und Informationsamt der Bundesregierung wird das Videoblog als Erfolg gewertet. Das erste Video, in dem Merkel auf die Fußball-WM einstimmte, wurde 231 000 Mal hochgeladen. Mit den Weihnachts- und Neujahrs-Videos, die zusammen 95 000 Zugriffe erzielten, liegen zwei eher betuliche Themen auf den weiteren Plätzen der Hitliste. Mit jeweils 21 000 und 25 000 Zugriffen folgt mit den beiden Videos zum G-8-Gipfel in Heiligendamm ein hochpolitisches Thema. Bei Youtube erzielen die Videos aus dem Kanzleramt durchschnittlich weitere 3500 Zugriffe.

Eine Möglichkeit der Bürger-Beteiligung besteht nicht. Als erste Reaktionen der Internet-Community wurden zwar stolz zahlreiche E-Mails vermerkt, aber nicht veröffentlicht. Ein Online-Forum soll nicht eingerichtet werden. Dieses Manko hat eine Studenteninitiative aufgegriffen und sammelt nun Bürger-Anliegen, schickt sie an das Kanzleramt und veröffentlicht die Antworten der Mitarbeiter Merkels im Internet. Diese Bürgernähe hat einer der ersten Nachahmer Merkels für sich entdeckt. NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers ist seit Ende März mit einem Video-Blog im Internet präsent, in dem er ausschließlich Fragen von Bürgern beantwortet.

Downing Street mit eigenem YoutubeChannel

Richtig brummen lässt es die britische Regierung. Seit April unterhält Downing Street 10 neben einer interaktiven Homepage einen gleichnamigen YoutubeChannel. Tony Blairs fünfminütige, französisch gesprochene Gratulationsrede zur Wahl Nicolas Sarkozys erzielte mehr als 470 000 Zugriffe. Inzwischen wurden 61 Clips eingestellt, von denen der Auszug der Familie Blair mit 120 000 Zugriffen knapp den Einzug Gordon Browns in Downing Street abhängte. Trotz eines alle Möglichkeiten des Internet einbeziehenden Online-Angebots erzielen auch hier die Youtube-Videos nur Zugriffszahlen von etwa 10 000.

Der ungarische Premierminister Ferenc Gyurcsany zeigte im vergangenen Jahr die zweifelhaften Möglichkeiten der neuen Medien. Der Politiker kommunizierte zwei Wochen mit der Öffentlichkeit nur über sein Weblog. Für Journalisten, Experten und Oppositionspolitiker war Gyurcsanys Online-Tagebuch die einzige Informationsquelle. Neben den neuesten Abenteuern seines Hundes Toto erfuhr das Publikum so ganz nebenbei, wie hoch das bislang geheim gehaltene Haushaltsdefizit war. Als weiteres abschreckendes Beispiel gilt das professionell aufgemachte Videoblog, in dem der britische Oppositionsführer David Cameron im atemlosen Stakkato eines rasenden Reporters sein Publikum zutextet.

George Bush zeigte übrigens bisher keinerlei Ambitionen, mit den Mitteln des Internet größere Bürgernähe herzustellen. US-Präsidenten informieren seit 1924 einmal wöchentlich die Bürger in Radiosendungen über ihre Politik. Immerhin sind Bushs Auskünfte als Podcasts zugänglich. Angela Merkel will zwar mit ihrer Internet-Aktivität auch die Bürger erreichen. Im Kanzleramt sieht man jedoch als engere Zielgruppe des Videoblogs Journalisten und professionelle Beobachter.

www.bundeskanzlerin.de

www.youtube.com/downingst

http://www.number-10.gov.uk/output/Page1.asp

http://www.whitehouse.gov/news/radio/

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