Internet-Radio : Weißes Rauschen

Webradio von ByteFM zu Quu.FM: Wie junge Sender im Internet versuchen, dem Radio neuen Schwung zu geben.

Markus Ehrenberg
Webradio
Radiogerät ade: Webradios wie ByteFM nutzen die Möglichkeiten des Internets auf vielfältige Weise. -Screenshot: tso

Ein Radio ist ein Gerät zum Empfang von Hörfunksendungen – über diesen Satz aus dem Lexikon kann Radio-Moderator Ruben Jonas Schnell nur noch lächeln. Für den 40-jährigen Hamburger spielt die Musik längst ganz woanders. Im Internet. Im Januar startete der Musikjournalist und Moderator des NDR-„Nachtclubs“ mit ByteFM seinen eigenen Radiosender im Internet. Der Livestream aus St. Pauli ist nur eine von zahlreichen Neugründungen, die Hörfunk im Zeitalter all der terrestrischen Mainstreamsender neu zu definieren versuchen.

Das Konzept von ByteFM und anderen Websendern wie Quu.FM ist einfach: das Musikprogramm, das sich viele gewünscht, aber nirgends mehr gefunden haben – auch als Reaktion auf das oftmals auch schon weichgespülte öffentlich-rechtliche Radio-Programm. Eben nicht zum hundertsten mal „die besten Hits aller Zeiten“ aus „der besten Stadt der Welt“, sagt Maik Nöcker von Quu.FM. Dass all die Privatradios gestern zum Beispiel keine längere Sendung zum fünften Todestag von Johnny Cash im Programm hatten, verwundert nicht. Aber selbst ambitionierte Wellen wie Radio Eins vom Rundfunk Berlin Brandenburg („Nur für Erwachsene“) bringen Spezialsendungen erst im Abend- oder gar Nachtprogramm. Bei ByteFM lief am Dienstagmittag eine dreistündige Sendung zu Johnny Cash: „Was ist Musik“, präsentiert von Klaus Walter, seit 1984 Radio-DJ beim Hessischen Rundfunk. Seine Sendung „Der Ball ist rund“ wurde von den Lesern der Fachzeitschriften „Spex“ und „Intro“ mehrfach zur besten Radiosendung Deutschlands gewählt.

Kein untypisches Moderatoren-Profil für Websender. „Bei uns arbeiten 70 Moderatoren, ein Drittel davon nebenbei auch bei öffentlich-rechtlichen Sendern“, sagt Ruben Jonas Schnell. Darunter bekannte Radiomacher und DJs wie Gudrun Gut, Thomas Fehlmann oder Klaus Walter. Sie arbeiten unentgeltlich. Dieser Idealismus, diese Begeisterung lässt sich auch von der anderen Seite betrachten. 7000 Hörer schalten täglich ByteFM ein. Noch keine große Zahl, aber sie steigt langsam. „Viele fühlen sich tagsüber im Radio gar nicht ernst genommen“, erklärt Ruben Jonas Schnell das Phänomen. Diese Hörer sehnen sich vielleicht nach Paul Baskerville oder Alan Bangs zurück – Namen, mit denen heutzutage nur noch die Generation 40plus etwas anfangen kann. In den 80er Jahren lief anspruchsvolle Pop- und Rockmusik noch bei NDR1: „Musik für junge Leute“, mittags nach der Schule. Paul Baskerville stellte oftmals vollkommen unbekannte Musik aus den Bereichen Punk, Independent und New Wave vor, mit britischem Akzent und einer sehr persönlichen Art der Moderation. Baskerville arbeitet nach mancher Programmreform jetzt bei NDR Info. Nachts.

Wer so etwas oder etwas Ähnliches 2008 im Radio tagsüber hören will, muss an den Computer gehen. Das 24-Stunden-Programm von ByteFM, sagt Ruben Jonas Schnell, begreift sich aber nicht als Alternative, eher als Ergänzung zum traditionellen Radioprogramm, gesponsort übrigens von einem Elektronikkonzern. Ähnlich finanziert wird Quu.FM. Mit Ex-MTV-Moderator Ray Cokes wurde ein prominenter Name für das „Medium der nächsten Generation“ gewonnen. Gründer Maik Nöcker hebt hervor, dass Quu.FM gar kein Radiostudio mehr brauche, sondern mittels Hotspot von jedem Ort der Welt aus produziert werden könnte. Ray Cokes allerdings zieht nach Berlin und soll demnächst die Show „Ray moves to Berlin“ für den Websender präsentieren. Auch Autorin Alexa Hennig von Lange und Schauspielerin Minh-Khai Phan-Thi haben bei Quu.FM eigene Sendungen.

Die Möglichkeiten des Internet nutzt last.fm auf etwas andere Art und Weise. Das Netzradio funktioniert im Grunde genommen wie ein Wunschkonzert. Es wurde entwickelt, um Nutzern auf Basis ihrer Hörgewohnheiten neue Musik, Menschen mit ähnlichem Musikgeschmack und Konzerte in der Umgebung empfehlen zu können. Alle auf einem PC abgespielten Musikstücke werden in einer Datenbank gespeichert, erzeugen Charts und verbinden Benutzer mit musikalischen Nachbarn. Last.fm hat ein Verzeichnis von über 80 Millionen Songs, davon über eine Million für sein Internetradio zum Streaming, sowie 150 000 kostenlose MP3-Downloads.

Rund 1000 Radio-Macher sind derart auf semiprofessionellem Niveau in Deutschland unterwegs, ein Dutzend so ambitioniert wie ByteFM oder Quu.FM, schätzt Maik Nöcker, nachzuschlagen und per Mausklick aufzurufen auf der Website radio.de. Nur eines werden Nöcker, Schnell und all die anderen Webradio-Gründer vielleicht doch mal mit den Hörern vermissen: das herrliche Rauschen, wenn man früher per Drehknopf einen Sender gesucht hat.

Im Internet:

www.byte.fm

www.quu.fm

www.lastfm.de

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