Internettarife : Mein Abenteuer im Tarifdschungel

Vor einem Jahr zahlte er als Migrationskunde 1,5 Cent pro Minute im Bermuda-Dreieck zwischen AOL, Alice und Hansenet. Doch auch sein Wechsel zu O2 konnte ihn nicht retten. Moritz Rinke über den Versuch, im Tarifdschungel durchzublicken.

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Moritz Rinke.
Moritz Rinke.Foto: Joscha Jenneßen

Manchmal sehe ich sie noch im Fernsehen: Groß, schlank, schön. Früher stand sie sogar auf dem Charlottenburger Tor: ihre Beine circa 17 Meter groß. „Mein ein und Alice“ war in Höhe ihrer Waden zu lesen. Ein paar Wochen später habe ich auf meine Kontoauszüge geguckt: 341,45 Euro Lasteinzug AOL. Ich rief bei AOL an und fragte, was das bitte soll; es hieß, das sei ALICE. Ich sagte: „Die mit den langen Beinen??“

„Ja“, antwortete die AOL-Beraterin. „ALICE ist eine Tochter von HanseNet, und die haben für 650 Millionen AOL übernommen und berechnen Ihnen jetzt 1, 5 Cent pro Minute, rund um die Uhr! Sie haben jetzt ’PAY AS YOU GO’, Ihr Router ist aber auf ’ALWAYS ON’ eingestellt. Sie sind also immer online, egal, ob Sie drin sind oder nicht. Im November stehen bei Ihnen schon 210 Euro zu Buche!"

„Das ist ja Wahnsinn!“, sagte ich. „Wo kann ich sofort kündigen?!?“

„Keine Ahnung“, sagte sie, „bei uns nicht, wir sind nicht mehr zuständig, aber ALICE betreut Sie noch nicht, da können Sie erst im Dezember kündigen. Sie sind jetzt MIGRATIONSKUNDE.“

„Migrationskunde“, so ein irres Wort habe ich noch nie gehört! Es gibt „Migrationskonten“, aber „Migrationskunden“?

„Habe ich das richtig verstanden?“, sagte ich, „ich bin MIGRATIONSKUNDE, weil ich mich für 1, 5 Cent pro Minute rund um die Uhr im Bermuda-Dreieck zwischen AOL, ALICE und HanseNet befinde??“

„So kann man das sagen“, sagte die Beraterin. Ich rief bei der T-Com an: „Guten Tag, ich bin woanders Migrationskunde und möchte schnell zu T-COM, bitte ein DSL-Anschluss ohne ALWAYS ON, weil das bedeutetet ALWAYS PAY!“

„Haben Sie doch schon seit zwei Jahren, CALL & SURF BASIC TWO“, sagte der T-Com-Berater. „Scheiße“, dachte ich, wusste ich gar nicht!!

Das war vor einem Jahr. Ich habe dann bei ALLEN gekündigt und bin zu O2 gegangen, die mit dem blauen Himmel. Gestern bekam ich einen O2-Anruf, ob ich nicht mit ALICE ins Internet wolle?

„Was haben Sie denn bitte mit ALICE zu tun??“, fragte ich panisch.

„Ja, das ist so“, sagte die O2-Stimme, „die Telefónica hat jetzt die HanseNet gekauft und seine Mobilfunktochter ALICE mit O2 verschmelzt.“

Zwei Stunden später hatte ich ein Seminar in der Uni und mitten in meine Ausführungen zum Katharsis-Begriff bei Aristoteles kamen Monster in den Raum gelaufen, dann folgten Frauen mit himmelblauen O2-T-Shirts, angeblich im Kampf gegen „Monstertarife!“ Die eine O2-Frau stellte sich sogar guerillamarketinggerecht vor die Studenten und sprach statt von Aristoteles von Alice, ihrer neuen Tochter!

Kürzlich saß ich bei einer Diskussion zwischen Josef Ackermann, Peer Steinbrück und Frank Walter Steinmeier, es ging um die Finanzkrise. Vor mir saß Thomas Steg, Sprecher aller bisherigen Regierungen, und tippte auf seinem Handy herum. Ich sah dieses blonde Biest mit den langen Beinen auf dem Display aufblitzen und dachte: Oh, Steg auch!, während Ackermann mir den Eindruck machte, als verstehe er von den globalen Finanzfusionen so wenig wie ich vom heillosen Tarifdschungel. Er sprach zwar immer vom „Arteriensystem“, aber erklären konnte er nicht, warum alles den Bach runtergeht, wenn wir Banken nicht helfen.

„Wissen Sie was, meine Herren?“, hätte ich am liebsten dazwischengerufen, „es ist überall das Gleiche! Keiner versteht die Welt mehr, selbst die, die sie zu dem gemacht haben! Und nur eines ist klar: Am Ende sind WIR immer ALWAYS ON und das bedeutetet ALWAYS PAY!“

Ich glaube, wir brauchen in einigen Bereichen mal eine aristotelische Katharsis!

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