Interview : „Abhörverdacht erhärtet“

Große Versöhnungsgeste? Stefan Aust schreibt für den "Spiegel" über die RAF. Im Interview mit dem Tagesspiegel spricht der ehemalige Chefredakteur des "Spiegel" über Stammheim und geheime Akten.

Stefan Aust
Stefan Aust musste seinen Platz beim "Spiegel" räumen. -Foto: dpa

In der aktuellen „Spiegel“-Ausgabe findet sich zum Titelthema „RAF“ auch ein Artikel, den Sie mit Helmar Büchel geschrieben haben. Ist das die große Versöhnungsgeste zwischen dem „Spiegel“ und seinem ehemaligen Chefredakteur Stefan Aust?

Mit der jetzigen Chefredaktion des „Spiegel“ hatte und habe ich keine Probleme. Beide, Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron, sind langjährige Kollegen gewesen, mit denen ich gut zusammengearbeitet habe. Sie sind nicht für die Aktionen des früheren Geschäftsführers bzw. der Gesellschafter verantwortlich. Deshalb gab es keinen Grund, nicht in einer journalistisch wichtigen Angelegenheit zusammenzuarbeiten. Da der „Spiegel“ ja einen Titel über die Verfilmung meines Buches „Der Baader-MeinhofKomplex“ gemacht hat, bot es sich an, die Abhörgeschichte im selben Heft zu veröffentlichen. Gemeinsam mit Helmar Büchel von Spiegel-TV habe ich 2007 für die ARD eine zweiteilige Dokumentation zum Deutschen Herbst 1977 gemacht. Damals haben wir Indizien für eine solche Abhöraktion vorgelegt. Außerdem beantragten wir Akteneinsicht. Die Überprüfung der zuständigen Behörden hat bis jetzt gedauert. Die neuen Akten haben den Abhörverdacht erhärtet. Insofern war es nur logisch, dass wir die Geschichte im „Spiegel“ veröffentlichen.

Der Beitrag unterstreicht aufs Neue die Vermutung, dass die RAF-Häftlinge in ihren Stammheimer Zellen abgehört worden sind. Ist das für Sie kein Verdacht mehr, sondern mittlerweile eine Gewissheit?

Ich bin Journalist, kein Spekulant. Die Anzeichen für eine Abhöraktion sind sehr deutlich. Wenn die Zellen verwanzt waren, warum sollten dann die Mikrofone während der Schleyer-Entführung nicht angeschaltet worden sein? Für einen solchen Fall waren sie ja vorgesehen. Dann aber stellt sich die brisante Frage: Gibt es ein Tonband der Todesnacht? Die Gefangenen müssen sich ja vor dem gemeinsamen Selbstmord über ihre heimlich installierte, ohne Zweifel vorhandene Kommunikationsanlage verabredet haben. Hat man mitgehört? Was hat man getan? Diese Fragen müssen nach über 30 Jahren beantwortet werden.

Wenn abgehört wurde, was ändert sich dann an Ihrer Einschätzung des RAF-Prozesses und seiner Umstände?

Die für uns jetzt infrage kommende Abhöraktion hat ja – wenn sie denn stattgefunden hat – nach dem Prozess stattgefunden. Es ändert am Prozess so wahnsinnig viel nicht, eines aber ist deutlich zu erkennen: Aus den Akten geht hervor, dass man das Bundeskriminalamt möglichst weit aus der Aktion heraushalten wollte. Man hat daraus eine Geheimdienstaktion gemacht, an der Bundesnachrichtendienst und Verfassungsschutz beteiligt waren. Auf diese Weise konnte man die Sache besser geheim halten.

Wie sind Sie an die neuen, bislang geheim gehaltenen Akten herangekommen?

Wir haben 2007 sehr große Anstrengungen unternommen, um von den verschiedenen Behörden zu erfahren, ob es noch weitere Akten zu den Abhöraktionen gibt. Ursprünglich hatte man uns gesagt, es gäbe nichts mehr. Wir haben immer weiter insistiert, am Ende wurden im Landeskriminalamt in Stuttgart viereinhalb Meter Aktenbestände gefunden. Daraus haben wir vergangene Woche eine Handbreit Akten, die sich mit der Abhöraffäre beschäftigen, einsehen können.

Herr Aust, wie lange wollen Sie sich noch mit der RAF beschäftigen?

Solange, wie es noch notwendig ist, wie also bestimmte Fragen noch nicht geklärt sind. Wenn Sie ein neugieriger Mensch und ein recherchierender Journalist sind, dann öffnen Sie eine Tür und finden dort weitere Türen. Ich werde mit der Geschichte wahrscheinlich nie aufhören. Eines ist mir ganz wichtig: Die Frage des Abhörens möchte ich eindeutig klären.

Ihr nächster „Spiegel“-Artikel?

Ob ich jemals einen weiteren „Spiegel“-Artikel schreiben werde oder nicht, hängt vom Thema ab, von der Frage, ob man gern etwas von mir druckt. Ich hätte nichts dagegen, dass Geschichten, die ich schreibe, in Deutschlands nach wie vor wichtigstem Nachrichtenmagazin erscheinen.

Das Interview führte Joachim Huber.

Stefan Aust, ehemaliger Chefredakteur des „Spiegel“, ist Autor des Standardwerkes „Der Baader-Meinhof-Komplex“. Der darauf basierende Kinofilm startet am 25. September.

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