Interview : Chinesisch im Trend

Eine Liste aller fremdsprachigen Publikationen in Deutschland, herausgegeben von der Internationalen Medienhilfe, bietet überraschende Ergebnisse.

von
Björn Akstinat.
Björn Akstinat.Foto: uwe steinert

Herr Akstinat, wie sind Sie auf die Idee zum Verzeichnis „Fremdsprachige Publikationen in Deutschland“ gekommen?

Die Internationale Medienhilfe ist ja der Verband der fremdsprachigen Medien in Deutschland und der deutschsprachigen Medien im Ausland. Wir wollten einfach mal eine Übersicht über diese Medienszenen geben. Wir haben wenig später auch noch ein Handbuch über die deutschsprachige Presse im Ausland veröffentlicht.

Wer ist die Zielgruppe?

Politiker, Behörden, Werbeagenturen, Journalisten und alle, die sich mit Migranten sowie Minderheiten beschäftigen, brauchen eigentlich dieses Nachschlagewerk mit einer Liste von fast 2000 Publikationen. Das Verzeichnis soll zeigen, was es in Deutschland gibt und wie die fremdsprachige Medienlandschaft aussieht. Das wusste vorher keiner so genau. Genauso, wie eigentlich kaum einer genau weiß, wie viele Menschen mit einer anderen Muttersprache als Deutsch hierzulande leben. Aus dem Buch lässt sich dies aber nun recht gut herauslesen.

Was waren die größten Schwierigkeiten bei der Recherche?

Das größte Problem war, dass es so ein Buch vorher nicht gegeben hat, wir somit nicht auf ältere Daten zurückgreifen konnten. Von den Publikationen im IMH-Archiv haben wir jeweils Titel, Adresse, Gründungsjahr, Erscheinungsweise, Auflage und den Namen des Chefredakteurs oder der Chefredakteurin aufgelistet. Dann sind wir an die Kioske gegangen und haben geschaut, was es für Neuerscheinungen gibt. Die meisten fremdsprachigen Publikationen gibt es gar nicht an Kiosken.

Wo sonst?

Sie existieren oft versteckt in kleinen Zirkeln und werden dort herumgereicht. Uns haben auch einige Minderheitenverbände und Mitgliedszeitungen geholfen, aber trotzdem blieb das eine riesige Such- und Recherchearbeit, die über zwei Jahre ging.

Was war für Sie bei der Recherche das Überraschendste?

In wie vielen Sprachen es Publikationen gibt, hat mich erstaunt. Das geht von Arabisch bis zu Ungarisch und Vietnamesisch. Im Moment nimmt die Zahl chinesischsprachiger Publikationen zu. Also muss es wohl auch eine verstärkte Einwanderung von Chinesen geben, über die man in der Öffentlichkeit kaum etwas erfährt. An den Auflagen dieser Publikationen kann man gut ablesen, wer verstärkt einwandert und welche Sprachgruppen die größten in Deutschland sind.

Welche sind das?

Es wird immer viel über die Türken in Deutschland diskutiert, dabei sind die Russischsprachigen die größte Gruppe nach den Deutschsprachigen.

Gibt es auch regionale Unterschiede?

Ja. Die vietnamesischen Publikationen erscheinen zum Beispiel größtenteils in Ostdeutschland. Türkischsprachige Druckmedien kommen vor allem im Rhein-Main-Gebiet und in Berlin heraus, sorbischsprachige nur in Brandenburg und Sachsen und dänischsprachige alle in Schleswig-Holstein. Die russischsprachigen Zeitungen und Zeitschriften sind in allen Bundesländern zu finden.

Wie werden sich diese Zeitungen und Magazine entwickeln, gibt es Trends?

Man kann sagen, dass die Zahl der russischsprachigen Medien noch eine Weile weiter zunimmt. Langfristig wird sie aber wieder stark abnehmen, weil sich die Russischsprachigen, vor allem die Russlanddeutschen, sehr gut integrieren. Die Auflagen vieler türkischsprachigen Titel sinken, obwohl die Zahl der türkischsprachigen Menschen in Deutschland nicht sinkt. Das liegt aber weniger an einer starken Integration, sondern vielmehr daran, dass unter ihnen weniger gelesen wird. Vor allem die Jüngeren gucken eher fern.

„Fremdsprachige Publikationen im Ausland“ kann man zum Preis von 48 Euro auf der Internetseite der Medienhilfe www.medienhilfe.org bestellen. Das Gespräch führte Sabine Sasse.

Björn Akstinat ist Gründer der in Berlin ansässigen Internationalen Medienhilfe (IMH). Damit will er die Zusammenarbeit zwischen Medien und Medienmachern weltweit fördern.

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