Interview : "Da helfen keine Promis"

Noch nie hat sich das Privatfernsehen so für politische Mitsprache ins Zeug gelegt. Parteienforscher Peter Lösche über Medienkampagnen zur Bundestagswahl.

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Prominente wie Bastian Schweinsteiger rufen auf, zur Bundestagswahl am 27. September zu gehen.Foto: Pro7

Herr Lösche, die Pro7Sat1-Gruppe startet am Samstag eine Kampagne. Rund 30 Prominente wie Kai Pflaume, Sonya Kraus oder Wigald Boning sagen in Spots: „Ich gehe!“ oder fordern: „Mach dein Kreuz!“ Bringt das Jungwähler an die Urne?



Es gibt natürlich nicht den Erstwähler, sondern mehrere Typen von Erstwählern, von den Hoch-Politisierten bis zu den Total-Frustrierten.

Die Frustrierten erreicht aber doch auch keine Fernsehgröße mehr.


Einige Wankelmütige vielleicht, die sich schon mal überzeugen lassen, wenn sie ein cooler Herr Schweinsteiger oder Herr Raab in den Fernsehsendern persönlich dazu auffordert, wählen zu gehen. Die Frustrierten dürften sich aber eher abgestoßen fühlen, da das Ganze womöglich pädagogisierend daherkommt.

Vielleicht ist das Internet das bessere Medium und Ironie das bessere Mittel. Friedrich Küppersbusch versuchte es mit einer im Netz gestarteten Videokampagne: „Geh nicht hin!“ sagten da Tagesschau-Chefsprecher Jan Hofer, Sandra Maischberger oder Detlef Buck.

Ja, und die anfängliche Verwirrung legte sich erst, als die Kampagnenmacher im zweiten Video erklärten, wie sie das meinten. Ich bezweifle, dass denjenigen, die so wankelmütig sind, intellektuell mit Ironie beizukommen ist. Da helfen auch keine Prominenten oder Wahlslogans mehr. Die Entscheidung, ob und wen man wählen geht, fällt eher in der Clique oder in der Gruppe, in der man ist, in der Familie oder am Arbeitsplatz. Wenn man denn einen Arbeitsplatz hat.

Oder mit Hilfe der jungen Bundestagsabgeordneten, die dann noch bei RTL Ende August Zuschauer zum Wählen auffordern sollen. Man kann fast den Eindruck gewinnen: Noch nie hat sich das Privatfernsehen so für politische Mitsprache ins Zeug gelegt.

Sicher erreicht das Privatfernsehen mehr junge Leute als ARD und ZDF. Gerade bei der Gruppe der Jungwähler aber ist die Skepsis hinsichtlich solcher Politiker-Aktionen am Allergrößten, nach dem Motto: Die wollen uns doch nur da hinlocken. Politiker sind sowieso korrupt, jetzt kommen die auch noch an und wollen mich zum Wählen bringen.

Dann sagen Sie uns, was funktioniert. Horst Schlämmer …

… ist wunderbar unterhaltend, aber auch keine Lösung. Richtig Zug käme nur durch einen polarisierten Wahlkampf hinein, wo die Alternativen klar sind. Dann entsteht eine Sogwirkung, auch für die Erstwähler. Diesen Zug gibt es aber infolge der großen Koalition nicht. Die beiden großen Parteien sind anscheinend verwechselbar geworden. Im Übrigen wird bei all diesen Kampagnen die Gruppe der Zweit-, Dritt- und Viertwähler so gut wie gar nicht berücksichtigt, die Menschen Mitte, Ende 30. Die haben die niedrigste Wahlbeteiligung.

Wie erreicht man die?

Man kann es nicht oft genug sagen: mit inhaltlichen Argumenten, die sich auf die Lebenssituation beziehen. Da diese Argumente gerade 2009 bei den Parteien offenbar nicht ausreichend vorhanden sind, wird versucht, Wähler verstärkt mit Medienkampagnen zu erreichen. Der Wahlkampf bei der CDU beispielsweise ist so angelegt, dass er nicht Wähler mobilisiert, sondern den Status quo hält. Präsidialer Wahlkampf. Angela Merkel schwebt über den Gewässern.

Eine Chance für Stefan Raab. Der Pro7-Spaßmacher will die Zielgruppe am Abend vor der Wahl mit „TV Total Bundestagswahl“ mobilisieren. Jürgen Trittin, Gregor Gysi und Guido Westerwelle haben bereits zugesagt. Um wie viel Prozent erhöht sich durch solche Aktionen die Wahlbeteiligung?

Das ist spekulativ. Ich denke, um wenige Prozentpunkte. Trotzdem dürfte die Wahlbeteiligung dieses Mal von 77,7 Prozent aus 2005 auf die 70 Prozent zurückgehen. Das wäre dann so wenig, dass man schon fragen kann: Wo liegt eigentlich die Legitimation für das Parlament, für die Regierung?

Das Gespräch führte Markus Ehrenberg.

Peter Lösche, Politologe und Parteienforscher, auch bekannt durch zahlreiche Fernsehauftritte als Parteienexperte an Wahlabenden.

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