Interview : „Die Krise ist etwas Wunderbares“

Ex-„Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust über paradiesische Zustände in der Medienlandschaft, und seine neue Sendung mit Sabine Christiansen.

Joachim Huber,Sonja Pohlmann
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Stefan Aust. -Foto: tsp

Sie haben Bücher geschrieben, Filme gedreht und waren 14 Jahre lang Chefredakteur des „Spiegels“. Warum begnügen Sie sich jetzt nicht einfach mit Ihrem Hobby, der Pferdezucht?



Das ist mir zu langweilig. Das nebenbei zu machen, finde ich schön und aufregend. Aber mein Leben ist dann doch eher das eines Journalisten. Und das möchte ich nicht gegen das Landleben eintauschen.

Sie sind Berater des WAZ-Konzerns. Was wird von Ihnen erwartet?

Ich erzähle denen alles, was sie wissen wollen. Aber das Entscheidende ist: Wir sondieren, welche Möglichkeiten es für neue Projekte, vornehmlich auf dem Zeitschriftenmarkt, geben könnte.

Wie lange sondieren Sie da rum?

Bis wir festgestellt haben, dass es keine Möglichkeit gibt, die Sinn macht. Oder dass es eine Art von Veröffentlichung gibt, ob nun als Zeitschrift oder im Internet, die Sinn macht. Das hängt alles mit der wirtschaftlichen Entwicklung zusammen, wie sich der Markt insgesamt entwickelt, und natürlich davon ab, wie die bei der WAZ das so finden, was wir uns ausdenken.

Und am Ende kommt eine Konkurrenz zum „Spiegel“ heraus?

Wir wollen uns nicht übernehmen. Der „Spiegel“ ist nach wie vor das Maß aller Dinge und die Zeitschrift, die sich von der Qualität und auch von der Auflage her am besten gehalten hat. Ich habe denen ja auch keinen Schrotthaufen hinterlassen. Eine Wirtschaftkrise ist zwar schlecht für die Anzeigen, aber gut für die Auflage, weil sich die Leute informieren wollen.

Wir würden falsch liegen, wenn wir Stefan Aust für einen Printskeptiker halten?

Da liegen Sie total daneben. Im Gegenteil. Wie man Informationen ans Publikum bringt, ist eine praktische Frage. Wenn ich schnelle Nachrichten haben will, dann gehe ich ins Netz, höre Radio oder sehe fern. Aber die vertiefende Information, die Analyse, die Hintergrundberichterstattung ist in Zeitschriften nach wie vor sehr gut aufgehoben. Den Wochenpublikationen wie „Spiegel“, „Stern“, „FAS“ oder der „Zeit“ geht es in Wahrheit nicht schlecht.

Das Problem liegt eher darin, dass die Verleger mit dem vielen Geld, das sie über die Jahre verdient haben, immer wieder neue Produkte auf den Markt geworfen und ihre eigenen Produkte dadurch kannibalisiert haben. Das schlägt sich jetzt nieder.

Sehen Sie Parallelen zur Medienkrise 2001?

Na klar, sehr viele. Aber es ist keine Medienkrise, sondern eine Anzeigenkrise. Das war es damals auch. Zur Zeit des Internetbooms wurden neue Titel publiziert mit dem einzigen Ziel, das Überangebot an Werbung irgendwie zwischen zwei Heftseiten zu kriegen. Es gab alle möglichen neuen Wirtschaftstitel ohne Rücksicht darauf, ob die überhaupt jemand lesen will. Die wurden in den Markt geschüttet, bloß um Anzeigen aufzusaugen.

Sie sehen die Krise also als eine Chance zur Bereinigung?

Erstens ist die Krise für einen Journalisten etwas ganz Wunderbares. Überall passiert etwas, es gibt Konflikte, Bruchstellen, kriminelle Handlungen, journalistisch gesehen ein paradiesischer Zustand. Wenn ich meine Nachfolger beim „Spiegel“ um eines beneide, dann darum, in einer solchen Zeit ein solches Blatt machen zu können.

Die Journalisten, die wegen der Krise entlassen wurden, dürften das anders sehen.

Es gibt ja zweitens die finanzielle Seite. Die Zeitschriften haben sich alle maßlos abhängig gemacht von großen Anzeigenvolumina. Wenn plötzlich die Anzeigen gen Null tendieren, dann ist es natürlich schwierig. Man darf sich nicht wundern, wenn Verlage ihre Kosten den Einnahmen ein Stück anpassen. Viel skeptischer betrachte ich den Internetbereich.

Haben Sie die Glücksformel für gewinnbringende Online-Portale gefunden?

Ich bin Journalist, Glücksformeln sind nicht mein Gebiet. Ich kann nicht sehen, wo das Geschäftsmodell bisher irgendwo klappt. Zeitungen und Zeitschriften stellen ihre Inhalte kostenlos ins Netz. Wie in einem Selbstbedienungsladen reichen sie die den Leuten in kleinen Portionen dar und wundern sich dann, wenn die satt sind und nicht mehr ins Restaurant gehen. Man hat den Leuten angewöhnt, die Inhalte kostenlos zu konsumieren.

Jetzt sind Sie ja nicht nur Berater, sondern machen auch wieder Fernsehen, zusammen mit Sabine Christiansen moderieren Sie die „Wahlarena“ bei Sat 1. Können Sie das als langjähriger Chef überhaupt: Sabine Christiansen reden lassen und schweigend danebensitzen?

Ich hoffe, dass ich überhaupt zu Wort komme. Ich war nie Solospieler, ich habe immer eng mit Leuten zusammengearbeitet. Wir werden uns sicher abwechseln, denn es ist nicht das Ziel der Sendung, dass der eine den anderen dominiert.

Was wird dann das Ziel sein?

Gemeinsam eine möglichst gute und aufregende Sendung zu machen. Was schwierig genug wird.

ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender sagte jüngst, die wahren Stärken von Stefan Aust lägen im Dokumentarischen.

Dem würde ich nicht widersprechen. Ich habe mich auch noch nie vor die Kamera gedrängt, sondern mich zieht es eher dahinter. Aber wenn es sich anbietet, dann habe ich keine Scheu davor.

Sie haben Ende 1998 mit „Talk im Turm“ gegen „Sabine Christiansen“ moderiert, jetzt treten Sie zusammen gegen „Anne Will“ an. Ist das die Ironie der Geschichte?

Wir liefen mit unseren Talks nur eine Zeit lang gegeneinander. Aber ich bin damals auch eine Zeit lang gegen „Spiegel-TV“ angetreten, was ich gar nicht gerne gemacht habe. Aber wenn ich den „Talk im Turm“ nicht gemacht hätte, dann hätte Sat 1 Helmut Markwort gefragt. Der hätte es sofort gemacht, und die Auflage vom „Focus“ wäre ein Stück nach oben gegangen.

Sie haben sich für den „Spiegel“ geopfert?

Nicht geopfert. Es hat ja auch Spaß gemacht. Aber mir blieb nichts anderes übrig.

Und plötzlich, nach wenigen Sendungen „Talk im Turm“, hat „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein Sie wieder zum Rückzug gedrängt …

… ich habe Augstein angerufen und ihn gebeten, mir mal einen kleinen Brief zu schreiben und mir nahezulegen, die Sendung abzugeben. Das war aber nicht nach wenigen Sendungen, sondern nach mehreren Monaten.

Haben Sie Augstein öfters um solch postalische Unterstützung gebeten?

Ich habe ein Verhältnis zu Augstein gehabt, in dem man solche Manöver machen konnte. Er hat mich ja 1994 gegen alle Widerstände als „Spiegel“-Chefredakteur durchgesetzt, die Mitarbeiter KG war schon damals gegen mich. Augstein hat mich zwar immer weitgehend machen lassen, was ich wollte. Aber das, was ich wollte, habe ich immer mit ihm abgesprochen. Ich wollte das Unternehmen immer in seinem Sinne führen. Ich habe ihn oft angerufen und gefragt: „Rudolf, wie sehen wir das?“ Ich hatte nie einen Dissens mit ihm.

War Augstein auch Ihr Freund?

Ich will mir nicht anmaßen, das zu behaupten. Im Sommer 1970 war ich bei ihm eingeladen, da hat er mir gesagt: „Du wirst mal Chefredakteur.“ Und dann hat er sich 24 Jahre lang angeguckt, was ich so mache.

Ein Thema hat Sie beim „Spiegel“ und bei „Spiegel-TV“ stets begleitet – die RAF. Mit der Wendezeit kam ein zweiter Schwerpunkt hinzu – die DDR, und da besonders die Stasi. Trotzdem scheint Sie der Fall des Karl-Heinz Kurras überrascht zu haben. Kurras erschoss am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg. Wie sich jüngst herausstellte, war der West-Berliner Polizist damals auch Stasi-Agent.

Es gibt in der Republik nur ganz wenige, die sich bei ’68, der RAF und der Gewalt so auskennen wie ich. Gleiches gilt für die Stasi. Glauben Sie, ich bin auf die Idee gekommen, mal nach dem Namen Kurras bei der Gauck-Behörde zu fragen? Null, null. Konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen.

Wird es vergleichbare Fälle geben?

Ich halte es mit Donald Rumsfeld: „There are known unknowns and there are unknown unknowns.“ Es gibt Rätsel, von denen man weiß, dass sie ungelöst sind, und es gibt Rätsel, von denen man gar nicht weiß, dass sie Rätsel sind.

Im Zuge der Kurras-Enthüllung ist der Axel-Springer-Verlag auf die Idee gebracht worden, im Oktober ein „Springer-Tribunal“ zu veranstalten. Was halten Sie davon?

Diese Kurras-Geschichte macht ein paar Dinge sehr deutlich. Erstens, wie sehr sich Leute ihre Vergangenheit zurechtlegen. Es ist doch glasklar, dass die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch den Polizisten Karl-Heinz Kurras ein Meilenstein auf dem Weg in die terroristische Gewalt war. Dieselben Leute auf der linken Seite, die das 40 Jahre lang behauptet haben, sagen heute, das spielte alles gar keine Rolle. Bloß, weil es nicht mehr in ihr Weltbild passt. Wenn schon damals die Existenz des Stasi-Agenten Kurras bekannt gewesen wäre, dann wäre er verurteilt worden. Und das ist auch eine Frage an die Springer-Presse, die Kurras eisern verteidigt hat mit dem Hinweis darauf, dass er sich vielleicht nicht objektiv, aber subjektiv in einer Notwehrsituation befunden habe. Rechtlich heißt das „Putativnotwehr“. Es ist außerordentlich wichtig, auf einem solchen Forum zu klären, zu debattieren, wie Historie abgelaufen ist. Ohne Aufarbeitung kann der eigene Standort nicht definiert werden.

Mehr realistisch betrachtet: Da wird nur eine weitere Die-Guten-und-die-BösenRechnung aufgestellt.

Und wenn, dann würde mich das auch nicht stören. Dann muss sich der Springer-Verlag unangenehmen Fragen nach damaliger Berichterstattung stellen, auf der anderen Seite müssen sich die Kritiker von damals auch die Frage stellen, warum Augstein und Bucerius die Vorbereitung des „Tribunals“ mitfinanziert haben. Ob da nicht ganz schnöde wirtschaftliche Interessen im Spiel waren.

Wie viele Alt-68er erwarten Sie beim „Springer-Tribunal“ 2009?

Ganz viele Linke werden sich dieser Herausforderung eines „Springer-Tribunals“ gar nicht stellen: Mit Springer reden wir nicht. Weil sie wissen, dass sie an einigen Punkten in die Defensive geraten würden.

Wen hat eigentlich Axel Cäsar Springer in jenen Tagen finanziert? Sie sind 68er-Rechercheur, Sie müssten das wissen.

Keine Ahnung. Ich nehme an, er wird jene, die ihm politisch nahestanden, mit Spenden bedacht haben.

Außer ’68 ist auch die Stasi-Debatte wieder in Gang gekommen. Wundert Sie das?

Mich hat es immer gewundert, dass nachgewiesene MfS-Mitarbeiter Ministerpräsident von Brandenburg und Bundesverkehrsminister werden konnten. Andererseits flog ein Ex-Stasi-Mann bei der Müllabfuhr raus. Da gab und gibt es eine tiefe Ungerechtigkeit – und deswegen eine Konjunktur der Debatte.

Apropos Springer, wir vermuten, dass Sie doch Fernsehvorstand bei diesem Konzern werden wollen.

Über hypothetische Angebote denke ich grundsätzlich nicht nach.

Vielleicht doch, wenn es andere betrifft. Helmut Markwort soll Ende des Jahres „Focus“ und andere Aufgaben bei Burda aufgeben. Erwarten auch Sie, dass „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann ihm nachfolgt?

Erst einmal glaube ich, dass Markwort sehr daran hängt, es weiterzumachen. Zum anderen sind eine ganze Menge Namen im Spiel. Dass Kai Diekmann es könnte, steht außer Frage. Ob er das will, ist eine ganz andere Frage. Aber schwierig ist es. Das bisherige „Focus“-Konzept, „news you can use“, sprich Nutzwert, ist an seine Grenzen gekommen.

Der „Focus“ wird also noch vor dem „Spiegel“ sterben.

Beide angenommenen Sterbefälle sind purer Unsinn. Und das wissen Sie genauso gut wie ich.

Das Interview führten Joachim Huber und Sonja Pohlmann.

Als Sohn eines Landwirts wird Stefan Aust am 1. Juli 1946 in Stade geboren. Nach dem Abitur schreibt er sich für ein Studium der Soziologie ein, konzentriert sich aber mehr auf seine Arbeit als Reporter, zunächst für die Zeitschrift „Konkret“ und die „St. Pauli Nachrichten“. Ab 1970 arbeitet er für den NDR, insbesondere für das Politmagazin „Panorama“. Aufmerksamkeit erregt Aust 1985 mit seinem Buch „Der BaaderMeinhof-Komplex“, das 2007 fürs Kino verfilmt wird. Ab 1988 leitet Aust das Politmagazin „Spiegel-TV“, 1994 wird er von „Spiegel“-Gründer und -Herausgeber Rudolf Augstein an die Spitze des „Spiegels“berufen, wo er bis zu seiner von der Mitarbeiter-KG initiierten Ablösung im Februar 2008 Chefredakteur bleibt.

Seit 2009 ist Aust an der TV-Produktionsgesellschaft Agenda Media beteiligt, und ab dem 23. August wird er zusammen mit Sabine Christiansen das Format „Ihre Wahl! Die Sat-1-Arena“ präsentieren. Ebenfalls arbeitet Aust als Berater für die Essener WAZ-Gruppe und dreht Dokumentationen. Im Herbst wird sein neues Buch über die Wendezeit erscheinen.

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