Interview : „Die würde was zu hören kriegen!“

Der Computerspieleentwickler Reichart über Kindererziehung, GTA IV und die Verantwortung der Branche.

Hans-Christian Roestel

Herr Reichart, das neue Computerspiel „Grand Theft Auto IV“ hat sich bereits rund sechs Millionen Mal verkauft, steht aber wegen gewaltvoller Szenen in der Kritik. Haben Sie es schon gespielt?

Leider noch nicht, ich habe einzelne Szenen in Trailerform gesehen. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass ein Erwachsenenspiel auf den Markt gebracht werden darf. Es würde einen großen gesellschaftlichen Aufschrei geben, wenn wir Filme verbieten würden, die ab 18 Jahren frei sind. Auf der anderen Seite stelle ich immer wieder die Frage: Brauchen wir gewalttätige Medien?

Der Amoklauf von Erfurt brachte vor sechs Jahren die Diskussion um „Killerspiele“ in Gang. Wie bewerten Sie die Verkaufskontrollen in Deutschland?

Der Handel kann wesentlich mehr machen und die Alterskennzeichnungen tatsächlich kontrollieren. Bei einem Spiel, das ab 16 oder 18 Jahren freigegeben ist, kann jede Scannerkasse darauf hinweisen, und man kann sich den Ausweis zeigen lassen. Das wird von einigen Saturn- oder Media-Märkten angewandt. Ich halte unsere Jugendschutzrichtlinien für sehr gut. Deutschland wird international von Experten gelobt, so dass ich keinen Grund sehe, das zu verschärfen. Dass die Diskussion da ist, müssen wir akzeptieren.

Zu Recht.

Auf jeden Fall muss der Handel deutlich stärker kontrollieren. Auch Eltern sollten sich für ihre Kinder interessieren. Daran ändert der beste Jugendschutz nichts.

Haben Sie Kinder?

Eine 13-jährige Ziehtochter.

Würden Sie ihr „GTA“, „Counter Strike“ oder ähnliche Gewaltspiele erlauben?

Die würde was zu hören kriegen! Alterskennzeichnungen machen schon Sinn.

Was raten Sie Eltern konkret?

Kommunikation ist wichtig. Kindererziehung ist kein Hobby. Ich muss wissen, was mein Kind sieht, mit wem es telefoniert, in welchen Chaträumen es sich bewegt.

Da geben Sie klar die Verantwortung Ihrer Branche ab.

Das fällt uns leicht, weil wir in Deutschland nicht einmal ansatzweise Spiele wie „GTA“ produzieren. „Crisis“ ist das einzige Actionspiel aus Deutschland, das annähernd auf dem Produktionslevel eines „GTA“ steht: ein realistisches Actionspiel. Aber selbst hier ist die Gewalt nicht sinnlos, sondern wird eingesetzt, um die Welt vor dem Untergang zu retten.

Noch einmal zu den Amokläufen: Besteht ein Zusammenhang zwischen gewaltvollen Spielen und der Realität?

Diese Theorie lehne ich rundum ab. Kein Medium auf der Welt macht Menschen zu aggressiven Monstern. Die Gründe, warum Menschen ausrasten und Amok laufen, haben immer soziale Auslöser.

Machen Sie es sich da nicht zu leicht?

Deutschland als sehr demokratisches, offenes und gebildetes Land ist das perfekte Beispiel für einen bewussten Umgang mit Medien. Gewaltvolle Spiele werden produziert, weil sie sich auf dem US-amerikanischen und dem asiatischen Markt verkaufen. In Deutschland verkaufen die sich gar nicht so gut. Solange auf den größten Märkten kein Umdenken stattfindet, werden solche Produkte immer auf unseren Markt kommen.

Einmal weg von der Gewaltdiskussion: Wie sieht der ideale Spieleentwickler aus?

Wir haben Designer, Grafiker, Manager, Programmierer, Komponisten. Der ideale Entwickler müsste ein Mensch sein, der ein gutes Verständnis von Industrie und Märkten hat. Der weiß, warum und was welche Zielgruppe gerne spielt.

Und die Kreativität?

Die sollte in den Händen von ein, zwei Leuten liegen, die nicht in Grenzen zu denken haben, Ideen entwerfen können.

Sie entwickeln für RTL Spieladaptionen von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ oder „Weisse Bescheid?! – Das Horst Schlämmer-Quiz“. Wie inspirieren Sie sich eigentlich: im Kino, in der Badewanne?

Viele Spielsituationen habe ich aus dem Fernsehen. Als Hape Kerkeling Günther Jauch vom „Wer wird Millionär?“-Stuhl verscheucht hat, war die Idee für „Weisse Bescheid?!“ plötzlich da.

Das Interview führte Hans-Christian Roestel.


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