Interview : "Es tut weh, wenn Leute die Nase rümpfen"

Produzent und Regisseur Hans W. Geißendörfer spricht im Interview über 25 Jahre "Lindenstraße", Quotendruck, Podcasts, Intellektuelle und die ARD.

Die Lindenstraße wird 30 Jahre alt. Die Serie spielt in München, aber gedreht wird bekanntlich in Köln. Foto: dapdWeitere Bilder anzeigen
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06.12.2015 16:40Die Lindenstraße wird 30 Jahre alt. Die Serie spielt in München, aber gedreht wird bekanntlich in Köln.

Herr Geißendörfer, heute vor 25 Jahren startete die Serie „Lindenstraße“ in der ARD. Mit welchem Gefühl blicken Sie auf diesen Geburtstag?

Zuallererst Dankbarkeit, gerichtet an die Mitarbeiter und vor allem an das Schauspielerensemble. Wir haben im Ensemble der „Lindenstraße“ immer noch zehn Schauspieler, die seit Beginn der Serie mit dabei sind und die uns somit über zwei Jahrzehnte lang die Treue gehalten haben. Zu diesem Gefühl der Dankbarkeit mischt sich daher auch ein kleines bisschen Stolz – nicht direkt bezogen auf die 25 Jahre, sondern eher darauf, dass wir als Team immer noch zusammen sind und dass hier auf dem WDR-Gelände in Bocklemünd über die Jahre eine Produktionsgemeinschaft entstanden ist, die für die 85 Menschen, die hier arbeiten, zu einer zweiten Heimat geworden ist.

Stichwort „zweite Heimat“: Viele Schauspieler wie Ute Mora oder Annemarie Wendl haben bis zu ihrem Tod mitgespielt.

Weil sie es von Herzen wollten. Eine populäre Rolle ist für alte Menschen oder auch für jemanden, der wie Ute Mora, unsere Berta Griese, Krebs hat, ein Gerüst, an dem man sich noch festhalten, mit dem man sich beschäftigen und ablenken kann. Wenn wir Annemarie Wendl, unsere Else Kling, früher aus der Serie genommen hätten, wäre sie früher gestorben, da bin ich mir ganz sicher. Das haben uns auch ihre Ärzte gesagt.

Obwohl die „Lindenstraße“ längst in der deutschen Fernsehlandschaft etabliert ist, rümpfen viele Menschen bei der Erwähnung des Titels noch immer die Nase.

Serien haftet bekanntlich seit jeher ein wenig der Beigeschmack des Trash und des Trivialen an. Der Fernsehfilm ist eine Klasse höher angesiedelt und der Kinofilm ist schließlich die Königsklasse – und das ist auch vollkommen in Ordnung. Ich hatte nie Angst vor der Trivialität der „Lindenstraße“ und habe sie im Gegenteil ganz bewusst gesucht.

Aus welchem Grund?

Ich wollte mit der Serie Themen behandeln und Geschichten erzählen, die ansonsten nicht in der Unterhaltung vorkommen: Aids, Homosexualität, Ausländerhass, Ehebruch oder Magersucht. Gerade in der momentanen Jubiläumszeit erleben wir, dass uns sowohl die einfachen Leute als auch viele Intellektuelle großen Respekt für diese Haltung entgegenbringen. Trotzdem tut es natürlich immer noch weh, wenn Leute beim Namen „Lindenstraße“ die Nase rümpfen, ohne jemals eine komplette Folge der Serie gesehen zu haben. Solche Leute gibt es leider auch innerhalb der Anstalten …

Innerhalb der ARD?

Ja, es gibt einige Verantwortliche innerhalb der ARD, die sich noch nie eine ganze Folge „Lindenstraße“ konzentriert angesehen haben. Und mit denen muss ich als Produzent dann über den Sendeplatz, Werbemaßnahmen oder die Finanzierung diskutieren.

Wie schwierig war es denn ganz am Anfang, das „Lindenstraße“-Konzept in der ARD an den Mann zu bringen?

Es gab eine Reihe von Intendanten und Programmdirektoren in der ARD, die die „Lindenstraße“ nicht in ihrem Programm haben wollten. Dann habe ich mich in eine Sitzung der ARD-Intendanten in Berlin eingeschlichen und dort einen Film gezeigt, in dem die wichtigsten Familien und Pärchen der „Lindenstraße“ vorgestellt und porträtiert wurden.

Und dann?

Ich erinnere mich gut an die verwirrten Gesichter. Ich habe erklärt, dass ich ihnen 20 Minuten Film zeigen möchte – dann wurde ich rausgeschmissen. Aber sie haben sich den Film tatsächlich angeschaut und vier, fünf Tage später erfuhr ich dann, dass mein Auftritt offenbar großen Eindruck gemacht hat und dass die ARD das Projekt „Lindenstraße“ in Angriff nehmen möchte.

Die Einschaltquoten der „Lindenstraße“ sind in den vergangenen Jahren auf 3,5 Millionen Zuschauer gesunken. Haben Sie manchmal Angst, dass es die „Lindenstraße“ nicht mehr geben könnte, weil sie nicht mehr genügend Zuschauer anlockt?

Die Quote ist seit zwei Jahren auf gutem Niveau relativ stabil. Was von Woche zu Woche steigt, ist die Nutzung übers Internet. Wir bieten die Folgen auch als Videostream oder Podcast auf unserer Homepage an. Was die Fernsehquote anbelangt: Das Verfahren, wie diese ermittelt wird, halte ich in Teilen für fragwürdig.

Inwiefern?

Unter den Leuten, die die Einschaltquote fabrizieren, das sind 4000 bis 5000 deutsche Haushalte, ist, soviel ich weiß, kein einziger Türke. Und das, obwohl diese Menschen eine der größten Migrationsgruppen in Deutschland bilden. Die „Lindenstraße“ hat ein sehr gutes türkisches Publikum, 300 000 bis 400 000 Zuschauer sind das jede Woche, aber dieses Publikum fällt einfach durchs Raster.

Sie schreiben regelmäßig Kinofilme, im März kommt „In der Welt habt ihr Angst“ in die Kinos. Ist es leichter, Charaktere für einen Einzelfilm zu entwickeln als über einen längeren Zeitraum für eine Serie?

Ich finde das Entwickeln von Charakteren über einen längeren Zeitraum schöner. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mit der „Lindenstraße“ auch aus der Not heraus angefangen, weil ich mit meinen Kinofilmen nie fertig geworden bin. Vor allem bei den Literaturverfilmungen hat es mich furchtbare Kraft gekostet, diese Stoffe auf 90 Minuten einzudampfen. Meine Filmbearbeitung von Thomas Manns „Zauberberg“ war in der Fernsehfassung sechs Stunden lang, „Theodor Chindler“ nach dem Roman von Bernhard von Brentano sogar neun Stunden.

So lang wie 18 Folgen „Lindenstraße“.

Es war stets ein großer Kampf gegen die Erzählzeit. In der „Lindenstraße“ gibt es dagegen die Möglichkeit, dass jemand schwanger ist – und dann ist er eben tatsächlich neun Monate lang schwanger. Man muss dabei nur aufpassen, dass man sich bei den Schwangerschaftswochen nicht verzählt. Ein Mal – bei Anna Ziegler, als sie mit Tom, dem ersten gemeinsamem Kind mit Hans Beimer, schwanger war – ist uns das tatsächlich passiert.

Haben Sie nach 25 Jahren und unzähligen Figuren noch den Überblick über die Serie?

Ja. Das ist alles in meinem Kopf gespeichert, wie in einem Computer. Ich brauche einen Anstoß, dann kann ich alles abrufen. Solche Anstöße kommen meist, wenn ich mir alte Folgen ansehe. Dann bin ich gedanklich sofort wieder am Drehort oder am Schreibtisch.

Das Interview führte Christian Rohm.

Die Jubiläumsfolge läuft am Sonntag, 18 Uhr 50, ARD. Dazu erscheint im Tagesspiegel am Sonntag eine große Reportage zum „Lindenstraße“-Dreh.

Zur Person:

Hans W. Geißendörfer, 69, Autor, Regisseur („Schneeland“). Die Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion GmbH produziert seit 1985 mit dem WDR die Dauerserie „Lindenstraße“.

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