Interview : "Heimat ist das, was man draus macht"

Von kommenden Montag an gastiert Ottfried Fischer mit seinem neuen Kabarettprogramm bei den "Wühlmäusen" in Berlin. Im Interview spricht er über krisenfeste Moral, spießiges Fernsehkabarett und Bullen in Tölz.

Interview von Thomas Eckert,Joachim Huber
Ottfried Fischer
Ottfried Fischer gastiert vom kommenden Montag an bei den "Wühlmäusen" in Berlin mit seinem neuen Kabarettprogramm "Wo meine Sonne...Foto: dpa

Herr Fischer, wir stecken mitten in der großen Krise. Kann ein Kabarettist mehr wollen?



Die große Krise ist nicht unbedingt mein Hauptthema. Als Kabarettist merke ich vor allem, dass die Säle nicht mehr ganz so voll werden. Das Geld sitzt bei den Leuten nicht mehr so locker. Das ist meine Krise.

Können Sie mit dieser Krise überhaupt etwas Kabarettistisches anfangen?

Krise ist ja gut und schön. Aber man kann als Kabarettist ruhig auch mal was Schönes sagen. Das freut die Leute nämlich auch. Ich nehme mich lieber des Themas Heimat an. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen alles von Globalisierung redet. Heimat kann Sinn stiften, man darf das Thema nur nicht falsch verstehen.

Heimat ist für Sie da, „Wo meine Sonne scheint“. So heißt jedenfalls Ihr aktuelles Programm.

Es ist meine Umschreibung von Heimat, auch wenn der Titel meiner Show aus einem Lied von Caterina Valente geklaut ist. Oder sagen wir übernommen, das klingt besser.

Was haben Sie uns zum deutschen Superwahljahr zu sagen?

Mich reizt die Tagespolitik nicht so sehr. Mich interessiert mehr das Allgemeine, die Moral hinter dem Ganzen. Ich finde es wichtig, wieder eine Moral zu haben.

Sie sind also ein heimatgebundener, krisenfester Moralist.

Das wäre das Ideal. Das ich aber leider so nicht für mich in Anspruch nehmen kann. Heimat ist ja ein äußerst vielschichtiger Begriff. Heimat muss nicht unbedingt und ausschließlich Karl Moik im „Musikantenstadl“ bedeuten. Heimat kann Dummheit, Engstirnigkeit und Borniertheit fördern, sicher. Aber sie kann auch ein Ort von Kraft, Geborgenheit und Menschlichkeit sein.

Ein richtiger Kreuzritter! Sie wollen uns die längst verloren geglaubte Heimat wieder zurückerobern.

Bei mir sagt im Programm eine Figur „Heimat ist für alle da, von Hitler bis zum Papst“. Das soll heißen, man kann sich seine Heimat nicht aussuchen. Aber man kann immer versuchen, das Beste draus zu machen.

Versteht Ihr Publikum, wovon der Bayer Ottfried Fischer spricht, wenn er von Heimat redet?

Ich bin gerade in der Staatsoper in Hannover aufgetreten, ich war in Hessen und in der Schweiz. Ich hatte den Eindruck, dass die Leute überall keine großen Schwierigkeiten hatten, mir zu folgen. Eine Heimat hat schließlich ein jeder.

Was sagen Sie zum aktuellen deutschen Fernsehkabarett? Wir haben ja jetzt eine „Anstalt“ in der Anstalt.

Fernsehen und Kabarett ist und war immer ein schwieriges Thema. Kabarettisten neigen dazu, zu viel zu machen. Die Erfahrung lehrt aber, dass knapper besser ist. Ich kann verstehen, dass Bruno Jonas sich dazu entschieden hat, den „Scheibenwischer“ zu verlassen. Er hat wahrscheinlich eingesehen, dass eine Veränderung her muss, die tiefgreifend sein muss, um noch etwas retten zu können. Die „Anstalt“ im ZDF ist für mich eine Bereicherung. Auch wenn die Kollegen von der „Anstalt“ mit einem Problem fertig werden müssen, mit dem alle Kabarettisten im deutschen Fernsehen zu kämpfen haben. Wenn sie eine Sendung bekommen, dann hat man immer, jedenfalls, was die Präsentation angeht, den Eindruck, die fünfziger Jahre wären wieder da. Da könnte schon mal was ganz Neues her.

Was ist der Unterschied zwischen einem Kabarettisten und einem Comedian?

Ein Kabarettist muss eine Haltung haben. Der Comedian kann. Wenn der Comedian in den Süden des Gürtels absinkt, dann kann er das machen, egal. Der Kabarettist, wenn er so etwas macht, muss einen Grund dafür haben, einen Sinn. Der Kabarettist macht das im Kopf Erdachte und Erkannte für den Bauch zurecht. Kabarettist zu sein, hat für mich immer noch etwas mit Berufung zu tun. Bei Comedians weiß ich das nicht so genau.

Apropos nicht so genau wissen: Lebt eigentlich Ihr „Bulle von Tölz“ noch?

Es gibt einen Gesprächstermin. Aber ich weiß nicht, wie und ob es weitergeht. Sat 1 und ich, wir mögen uns aber nach wie vor.

Den „Pater Braun“ in der ARD geben Sie noch. Welche Figur ist spannender?

Das ist eine reine Geschmacksfrage. Aber ich mag den Pater Braun schon ganz gern. Schon allein wegen meiner Vergangenheit als Klosterschüler.

Was sagen Sie zum „Dschungelcamp“?

Nichts. Ich sehe es mir nicht an.

Stimmt es eigentlich, dass Österreich eine Ottfried-Fischer-Briefmarke 500.000 Mal herausgebracht hat?

Ja, eine 55-Cent-Marke mit den zwei Gesichtern des Ottfried Fischer. Damit ist meine Janusköpfigkeit offiziell geworden.

Geht’s noch besser?

Meine geschätzte Kollegin Christine Neubauer hat den Bayrischen Verdienstorden bekommen. Ich noch nicht.

Was würde Ihnen das denn bringen?

Einen hübschen Sticker fürs Revers. Darüber würd’ ich mich schon freuen.


Ottfried Fischer, geboren 1953 im niederbayerischen Ornartsöd, kommt nach unvollständigem Studium der Rechte zum Kabarett, zunächst mit dem Ensemble „Machtschattengewächse“, dann mit Jockel Tschiersch, dann solo. Engagements am Münchner Volkstheater, bei den Salzburger Festspielen, Kino („Das schreckliche Mädchen“), schließlich mehr und mehr Fernsehen: Fischer wird sehr erfolgreich als „Der Bulle von Tölz“ bei Sat 1 oder als „Pater Braun“ bei der ARD. Einmal im Monat lädt er im BR zu „Ottis Schlachthof“, einem Talk mit Künstlern.

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