Interview : „Ich bin kein Möchtegernrennfahrer“

Vor dem großen Finale: RTL-Reporter Kai Ebel über Ellenbogen in der Formel 1, Michael Schumacher und 18 Jahre am Streckenrand.

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Buntes Hemd, gelbes Mikro – so kennen die RTL-Zuschauer Formel-1-Reporter Kai Ebel, der beim Grand Prix von China 2010 gerade Michael Schumacher interviewt.
Buntes Hemd, gelbes Mikro – so kennen die RTL-Zuschauer Formel-1-Reporter Kai Ebel, der beim Grand Prix von China 2010 gerade...Foto: RTL

Herr Ebel, haben Sie schon die Kleidungsfrage für Abu Dhabi geklärt?

Das landesübliche Gewand hatte ich ja schon einmal an. Diesmal wird es ein Hemd aus leichtem Material sein und darin sollten ein paar Farben vorkommen, mit der dazugehörigen Krawatte. Ich muss abwarten, wie heiß es wirklich wird.

In Sao Paulo waren Sie überraschend dezent gekleidet.

Es geht ja nicht darum, besonders farbenfroh oder bunt zu sein. Ich bin einfach modisch. Manchmal gehört da Farbe dazu, ein anderes Mal liegt es am schönen Schnitt oder dem Zusammenspiel. Es ist halt immer ein Gesamtkunstwerk.

Wie hart ist der Konkurrenzkampf in der Boxengasse?

Früher war es schlimmer, doch inzwischen haben das die Teams in Eigenregie gut organisiert. Früher musste man die Ellenbogen einsetzen. Heute weiß man, wie wichtig die Interviews in den Medien sind, sonst zahlen die Sponsoren irgendwann nicht mehr.

Dennoch mussten Sie sich den Rennfahrer Mark Webber vor dem Rennen in Sao Paulo am vergangenen Sonntag mit einem US-Kollegen teilen.

Aber bekommen habe ich ihn immer, auch diesmal habe ich danach noch weiter mit ihm geredet.

Zu den großen Zeiten von Michael Schumacher hatten Sie es als Reporter eines deutschen Senders aber doch einfacher.

Das stimmt nicht ganz. Die Arbeit hat sich sogar insofern vereinfacht, als dass man heute mit Deutsch im Fahrerlager recht gut durchkommt, während man früher vor jede Tür gelaufen ist, weil kaum jemand Deutsch sprach. Natürlich spreche ich auch Englisch, aber manchmal ist es angenehmer, in der Muttersprache zu reden. Heute gibt es erstaunlicherweise in jedem Team deutschsprachige Menschen, ob das Physiotherapeuten oder Sponsorenbetreuer sind.

Fahrer kommen und gehen, Sie sind seit 1992 dabei.

Richtig.

Wie hält man das über so viele Jahre aus, während der Saison nie an zwei Wochenenden hintereinander ein Privatleben zu haben?

Indem man den Job zu schätzen weiß. Es ist ein unheimliches Privileg, dort arbeiten zu dürfen. Viele Menschen bezahlen viel Geld dafür, um an die Schauplätze der Formel 1 zu gelangen.

Wie stark ist Ihr Rennsportfanatismus?

Weniger ausgeprägt, als man meinen könnte. Ich bin leidenschaftlicher Fernsehmann und interessiere mich für alle Sportarten. Zur Formel 1 habe ich einen gesunden Abstand, weil ich kein Möchtegernrennfahrer bin. Mich interessieren die Geschichten dahinter, die Menschen, der Zusammenhang, Natürlich wird man über die Zeit auch ein wenig zum Experten, aber ich bin heute noch kein Techniker. Ich stehe noch immer vor dem Auto und frage mich, wenn es nichts allzu Offensichtliches ist: Was haben die da wieder verändert?

Denken Sie ab und zu auch an die Zeit nach der Formel 1?

Bislang hatte ich noch nicht das Gefühl, es reicht jetzt. Sonst hätte ich es gelassen. Es macht mir immer noch irrsinnig Spaß und darum wird auch zum Ende der Saison mein Buch „Mr. Boxengasse“ (Speedpool-Verlag, Anmerk. der Red.) herauskommen. Darin geht es nicht um die Technik oder das ABC der Formel 1, vielmehr erzähle ich in vielen Anekdoten, Erlebnissen und Geschichten über meine 18 Jahre mit der Formel 1.

Wonach richtet es sich eigentlich, auf welche Rennstrecke man sich in einer Saison besonders freut?

Das Zusammenspiel. Es gibt so fantastische Rennstrecken wie Spa Francorchamps, aber man steht nur im Stau und sitzt ansonsten im Regen. In Australien wiederum stimmt einfach alles, genau wie in Monaco.

Hockenheim und Nürburgring fehlen in dieser Aufzählung.

Ja, dort finde ich es aus anderen Gründen nett. Es gibt zwar kein supertolles Ambiente, dafür hat man das tolle Gefühl eines Heim-Grand-Prix. Vom Flair her ist es aber nicht vergleichbar mit Montreal oder Monte Carlo. Das Essen schmeckt mir übrigens in Singapur am besten.

Sie haben Michael Schumacher über viele Jahre aus großer Nähe erlebt. Wie locker geht er aus Ihrer Sicht wirklich damit um, in diesem Jahr so unter den Erwartungen zumindest der Fans geblieben zu sein?

Ich hätte nicht gedacht, dass er das so locker nimmt. Aber er ist Realist genug, dass dieses Jahr nichts mehr geht. Im Kopf ist er schon im Rennjahr 2011. Nach ein paar Rennen im nächsten Jahr weiß man, wie es wirklich aussieht.

Wie schafft es Sebastian Vettel, selbst nach einer Panne wie die mit dem geplatztem Motor so cool zu bleiben?

Wenn so etwas passiert, ist es das Wichtigste, dass es nicht sein Fehler war. In dem Wissen, dass er das Rennen hätte nach Hause fahren können, kann man mit breiter Brust rausgehen. Den Motor hat er nicht gebaut, da kann er nichts machen. Bei Vettel ist aber auch der Spaß dabei. Er ist ja noch jung genug, alles zu erreichen. Andere fahren ewig mit und werden es nie. Zudem: Er sieht ja auch noch die Chance auf die Weltmeisterschaft dieses Jahr.

Wie wird er mit dem Druck am Sonntag zurechtkommen?

Seine Chance besteht ja nicht nur theoretisch. Den größten Druck hat Fernando Alonso. Denn mal eben einen dritten oder vierten Platz nach Hause zu fahren, ist auch nicht so einfach, wie sich das immer anhört.

Was ist ihr Tipp für Sonntag?

Ich sehe einen Vettel-Sieg, alles andere steht in den Sternen.

Das Interview führte Kurt Sagatz.

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