Interview : „Leute denken in Flatrates“

Der Direktor des Deutschen Digital Instituts Jo Groebel zur Pay-TV-Zukunft nach Georg Koflers Ausstieg bei Premiere.

Georg Kofler verlässt Premiere. Hat der Mann einen guten Instinkt?

Man kann da nur spekulieren. Letztendlich trifft es wohl zu, dass Kofler aus dem Medienbereich aussteigt, um woanders wieder einzusteigen, wo möglicherweise noch größere Umsätze getätigt werden als bei Premiere. Kofler ist ja eher ein Typ, der immer am Ball blieb, wenn es schwierig wurde, so auch 2006, nach dem Verlust der Bundesligarechte an Arena.

Vielleicht hat er geahnt, dass die Situation für Premiere, fürs Bezahlfernsehen nicht besser wird.

Im Unterschied zu England beispielsweise gibt es in Deutschland bislang keinen natürlichen Bedarf an Pay-TV, an Spielfilmen und Unterhaltungsangeboten. Das gibt’s hier massenweise im Free-TV. Darüber hinaus haben Bezahl-Angebote im Fernsehen nicht nur ausreichend unverschlüsselte TV-Konkurrenz, sondern auch einen immer größer werdenden Markt an DVDs und Downloads gegen sich. Das ist in der Form international einmalig.

Und der Live-Fußball als Erfolgsfaktor?

Auch dafür braucht man nicht unbedingt Arena oder Premiere. Die jüngere Generation geht massiv auf Breitband-Angebote wie T-Home und mobile Bereiche …

Bayern-Star Ribéry im Briefmarkenformat auf dem Handy …

… warten Sie’s ab. Da werden ja nicht eins zu eins ganze Fußballspiele übertragen. Der Mobilsektor ist als Plattform, der die Höhepunkte überträgt, nicht zu unterschätzen: Clips für den mittelstark interessierten Fan. Oder denken Sie an YouTube und T-Home, da sind mit dem Internet Verbreitungsformen ins Spiel gekommen, bei denen auch das Sozialisationsargument nicht mehr greift. Nur Erwachsene sind noch ans Fernsehen gewöhnt.

Das sind schwierige Vorgaben für den neuen Premiere-Chef. Wie stark werden Koflers Nachfolger Michael Börnicke die digitale Konkurrenten wie zum Beispiel Kabel Deutschland zu schaffen machen?

Sehr stark. Es gibt da wohl noch ein paar Probleme technischer Natur bei der Übertragung, auch die Positionierung und das Marketing ist noch nicht immer ganz so glücklich, so reibungslos, wie man es von Premiere gewohnt ist. Aber wenn das abgestellt wird …

Viele Leute, die sich jetzt fürs Fernsehen der Zukunft entscheiden wollen, blicken aber gar nicht mehr durch. Premiere, Kabel Deutschland, Kabel, Satellit, Breitband, Fernsehen über Internet, das sogenannte IPTV.

Eben, das ist ja noch der Vorteil von Premiere, da ist die Frage nach Verbreitungsweg und Inhalten noch relativ eindeutig zu beantworten. Ansonsten herrscht durch technische Monopolversuche und unterschiedliche Systeme eine völlige Unübersichtlichkeit. Wie soll man da groß rauskommen? Laut Umfrage sind bis zu 80 Prozent der deutschen Haushalte an Digitalem nicht wirklich interessiert. Und Nicht-Sport-Fans ist auch noch nicht komplett vermittelt worden, worin denn der Mehrwert des digitalen Fernsehens besteht.

Vielleicht ist es in Zeiten von Hartz IV auch schwierig, den Leuten zu vermitteln, dass mediale Interaktionen oder ein Zwei-Jahres-Abo bei Premiere was Schönes seien.

Auf jeden Fall. Das ist wie bei Mobiltarif- oder DSL-Angeboten. Warum soll ich mich lange riskant festlegen, wenn es woanders bald billiger geht? Der Prepaid-Markt ist in Amerika extrem erfolgreich. Weg vom Paket, hin zum Einzelangebot, Pay per View– das ist die Zukunft des Fernsehens, ob nun über Kabel, Satellit, Breitband oder Internet. Leute denken in Flatrates.

Glauben Sie, dass sich nach Arena ein neuer Pay-TV-Anbieter gegen Premiere aufstellen wird, wenn die DFL demnächst wieder die Bundesligarechte ab der Saison 2009 vergibt? Es soll ja Signale von Investoren und Inhalteanbietern geben.

Das wäre wünschenswert, gegen ein Pay-TV-Monopol von Premiere. Mich wundert immer, warum der Bauer-Verlag noch nicht größer in den Fernsehbereich eingestiegen ist. Oder Hubert Burda, der ist als Online-Pionier auch gerne zu begeistern für neue Welten.

Das Gespräch führte Markus Ehrenberg.


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