Interview : "Man muss blutige Steaks in einen Hundezwinger werfen"

Medienmacher Helmut Thoma über gewollte Tabubrüche und scheinheilige Kritik.

Joachim Huber,Kurt Sagatz
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Foto: ddp

Herr Thoma, Sie sind selbst Vater. Hätten Sie Ihren Sohn Harald als Baby für „Erwachsen auf Probe“ verliehen?



Nein. Ich würde auch nicht ins „Dschungelcamp“ gehen oder mich an nachmittäglichen Talkshows beteiligen. Aber das soll jeder so machen, wie er will.

Das lag aber nicht daran, dass Ihre Ehefrau nicht mitgespielt hätte?


Ich glaube, auch sie hätte etwas dagegen gehabt. Allerdings hätte ich sie wahrscheinlich gar nicht gefragt, das wäre schon von mir aus nicht zustande gekommen.

Gibt es einen speziellen Grund für Ihre Ablehnung?

Solche Beteiligungen habe ich immer als Zurschaustellung empfunden. Dass sollen die machen, die so etwas genießen.

So intensiv wie über das neue RTL-Format wurde lange nicht gestritten. Wie erklären Sie sich die heftigen Reaktionen?

Die Reaktionen sind vor allem sehr vorhersehbar, das war schon so bei „Big Brother“ oder „Tutti Frutti“. Für die Sender ist die Aufregung sehr nützlich. Die Aufmerksamkeit, die so erzeugt wird, könnte man mit einer Riesenwerbekampagne nie erreichen. Ich habe das zu meiner Zeit als RTL-Geschäftsführer sehr bewusst eingesetzt, wobei unsere Tabubrüche durchwegs harmlos waren. Aber sie haben immer riesige Kampagnen ausgelöst. Das ist so, wie wenn man ein blutiges Steak in einen Hundezwinger wirft.

Auch bei „Erwachsen auf Probe“ bleibt der Eindruck, hier wurde aufs Knöpfchen gedrückt. Die sieben Folgen sind abgedreht, auch die Kritiker wissen, dass kein Kind zu Schaden kam. Warum wird die Sendung dennoch so vehement kritisiert?

Das ist sehr deutsch. Erst wenn sich der letzte Vorsitzende des Landschildkrötenverbandes Nordrhein-Westfalen gemeldet hat, ist die Welle durch. Jeder weiß, dass er Teil einer Kampagne ist, macht aber trotzdem mit.

Gilt das auch für Familienministerin Ursula von der Leyen, die die RTL-Sendung ebenfalls kritisiert hat?

Frau von der Leyen nutzt sowieso jede Chance, um in die Presse zu kommen. Damit wird der Name wieder schön penetriert, und zumindest bei einigen Naiveren steht sie wieder so da, als wenn sie die Rechte der Kinder schützt. Das ist auch nichts anderes als Werbung. Zu Beginn von „Big Brother“ hatte ich ein längeres Gespräch mit Kardinal Lehmann. Ich habe zu ihm gesagt: „Sie wissen ja, wenn Sie protestieren, sind Sie Teil der Kampagne.“ Da hat er geantwortet: „Das weiß ich doch, aber was soll ich halt machen?“

Was gefällt Ihnen an „Erwachsen auf Probe“, was weniger?

Dazu müsste ich die Sendung erst einmal richtig gesehen haben. Genauso wie die meisten anderen kenne ich auch nur die Beschreibungen. Einige der Vorwürfe sind trotzdem absurd. Als ob da Babys an völlig Unbekannte gegeben würden. Es sind doch alle Teilnehmer gecastet, und es steht dauernd jemand dabei. Im realen Leben ist die Gefahr viel größer, dass Eltern an einen jungen Babysitter geraten, der noch völlig unerfahren ist.

Ihr Lieblingssender RTL ist also ein absolut verantwortungsvolles Unternehmen …

Niemand kann sich Unfälle leisten. Ein Schaden würde in keinem Verhältnis zum Programmerfolg stehen. Niemand geht dabei ein Risiko ein. Das ist wie im „Dschungelcamp“, wo in Wirklichkeit auch jede Kakerlake gecastet ist.

Wenn man einmal die Formate miteinander vergleicht, die „Super-Nanny“, „Raus aus den Schulden“ und nun „Erwachsen auf Probe“: Das ist doch Realität nach den Regeln des Fernsehens.


Das kann man so nicht sagen. Nehmen Sie den Schuldnerberater. In der heutigen Situation wäre es eine originäre öffentlich-rechtliche Aufgabe, Lebenshilfe zu geben – bei den vielen Hartz-IV-Empfängern, die mit ihrem Geld nicht auskommen. Dass dies jetzt in einer Unterhaltungssendung passiert, zeigt doch den großen Bedarf. Vor ein paar Jahren wäre das absolut gefloppt. Heute gibt es dafür ein wirkliches Bedürfnis, vor allem bei jüngeren Leuten.

Sie trauen dem Fernsehen wirklich zu, Lebenshelfer zu sein?


Ja, weil die Institutionen, die eigentlich dafür zuständig wären, überlastet sind oder diese Aufgabe vernachlässigen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hätte dort schon längst einsteigen müssen, um solche Lebenshilfe anzubieten. Das muss in einer populären Form erfolgen, nur so erreicht man die Leute.

Wenn Sie an Ihre Zeit als RTL-Geschäftsführer zurückblicken, gab es da Tabubrüche, an denen sie besonders Spaß hatten?

Natürlich „Tutti Frutti“. Oder die harmlosen Lederhosenfilme samstags in der Nacht. Das waren richtig schöne Tabubrüche. Wir haben übrigens im „Heißen Stuhl“ schon damals Themen abgehandelt, die heute wieder als neu verkauft werden. Aber besonders Spaß gemacht hat „Tutti Frutti“, weil sich da nur die üblichen Verdächtigen mit Kritik gemeldet hatten. Für die normalen Zuschauer war das gar kein Thema. Deren einzige Beschwerde war, dass sie die Spielregeln nicht verstanden. Was nachzuvollziehen war, denn es gab ja in Wirklichkeit gar keine. Die Regeln waren nur ein Vorwand, damit sich die Mädchen ausziehen.

Die Frequenz der Skandale hat seither nachgelassen. Gibt es zu wenig Tabubrüche?


Es gibt zu wenige Tabus. Vor kurzem habe ich eine Reportage zum Film „Die Sünderin“ mit Hildegard Knef gesehen. Heutzutage würde dieser Film selbst im Nachmittagsprogramm der ARD niemanden mehr erregen. Heute finden Sie selbst in der Margarinewerbung im ZDF mehr Nackte, als es bei „Tutti Frutti“ je gab.

In der Debatte über das Niveau des Fernsehens nach der Reich-Ranicki-Rede haben Sie gesagt, „Je blöder die Sendung, desto gescheiter die Zuschauer“. Muss es jetzt heißen: „Je größer der Tabubruch, desto moralischer das Publikum“?


Das ist eine Scheinheiligkeit, die geradezu unglaublich ist. Ich kann mir schon vorstellen, wer das in Wahrheit am meisten schaut. Die müssen sich ja sozusagen über den Feind informieren.

RTL hat sich das Format nicht ausgedacht. Es stammt aus Großbritannien, von BBC 3.

Dort ist das Problem der Teenager-Mütter auch viel größer als bei uns. Ob die Sendung bei uns ein Erfolg wird, kann man nicht sagen. Wenn, dann sicherlich auch wegen der Pressekampagne. Dann würde ich der Ministerin von der Leyen auch einen Dankesbrief schreiben.

Muss es nicht Personengruppen geben, die vom medialen Missbrauch ausgenommen sind – Behinderte oder demente Alte?

Wir haben in der Altenpflege riesige Defizite. Wenn es durch eine gute Sendung möglich wäre, darauf hinzuweisen – und sei es in einer Unterhaltungssendung –, würde ich sagen: großartig. Das wäre doch in deren Interesse. Natürlich müssten die Verantwortlichen, also zum Beispiel ein Vormund, dem zustimmen. Genau wie bei „Erwachsen auf Probe“ nichts ohne die Zustimmung der Erziehungsberechtigten geschieht. Bei Behinderten sehe ich das genauso. Es gibt Behinderte, die das nicht wollen und die dann nicht ins Fernsehen kommen. Und es wird welche geben, die sagen, vielleicht kann ich in einer Unterhaltungssendung meine Probleme aufzeigen. Vielleicht hilft es ja ein bisschen. Unter den Teppich kehren bringt überhaupt nichts. Das ist ja die ganze Zeit passiert, sonst wäre es ja kein Tabu.

Bei der „Super-Nanny“ und auch bei „Erwachsen auf Probe“ ist vieles pure Inszenierung.

Fest steht, das Problem besteht tatsächlich. Dass in der Fernsehsendung inszeniert und überhöht wird, ist durchaus vernünftig, denn im Normalfall ist bei solchen Situationen niemand dabei. Und wenn das in einer Unterhaltungssendung passiert, dann, weil es eine Form braucht, bei der die Leute nicht gleich abschalten, weil sie sich belehrt vorkommen. Wenn Sie so wollen, ist das die Medizin in der Zuckerschicht.

Würden Sie einem Windelhersteller dazu raten, im Umfeld dieser Sendung einen Spot zu schalten?

Das könnte durchaus vernünftig sein. Man darf von der Werbewirtschaft keine Wertung erwarten. Die sind allein auf die Frage ausgerichtet, können wir unsere Kunden erreichen oder nicht? Was wurde darüber geredet, man dürfe in Sexsendungen keine Werbung schalten. Als „Tutti Frutti“ gut angelaufen war, waren alle Werbeblöcke ausverkauft, und die Werbepreise wurden erhöht.

Bei welchem Format würden auch Sie sagen, das ist zu viel?

Den Roman „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche zu verfilmen, das wäre tatsächlich ein Gebiet, das heute noch ein Tabu ist. Damit würde man zu viele Zuschauer abstoßen. Aber: Wenn alle oder zumindest fast alle Tabus gebrochen sind, müssen wir ja auch wieder welche aufbauen. Wenn die generelle Nacktheit nichts mehr Besonderes ist, müssen wir uns wieder anziehen.

Das Interview führten Joachim Huber und Kurt Sagatz.

Helmut Thoma, 70, baute von 1986 bis 1999 als Geschäftsführer den Privatsender RTL auf. Der Österreicher ist weiterhin als Medienberater tätig.

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