Interview mit Fritz Wepper : „Kunst macht viel Arbeit“

Zum 70. Geburtstag: Der Schauspieler Fritz Wepper über Walter Matthau, „Derrick“, seinen Erfolg als Seriendarsteller und Freundin Liza Minelli.

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Doch nicht „Harry“ auf ewig. Von 1974 bis 1997 war Fritz Wepper in der Kultserie „Derrick“ der Assistent von Horst Tappert. Davon hat er sich befreit. Heute wird Fritz Wepper 70. Foto: dpa
Doch nicht „Harry“ auf ewig. Von 1974 bis 1997 war Fritz Wepper in der Kultserie „Derrick“ der Assistent von Horst Tappert. Davon...Foto: dpa

Herr Wepper, fangen wir mit der Rolle des Harry Klein an, dem Assistenten von Erik Ode alias Kommissar Keller in „Kommissar“ und von „Derrick“, was Ihre Karriere sehr bestimmt hat …

Harry Klein war zu der Zeit des „Kommissar“ wirklich eine Assistentenrolle. Aus meiner Sicht war es nach meinem Wechsel 1974 zu „Derrick“ eher eine Partnergeschichte. Ursprünglich waren 13 Folgen geplant. Wenn ich 1968 gewusst hätte, dass in 29 Jahren 281 „Derrick“-Folgen daraus werden, dazu 71 Folgen „Der Kommissar“ – das kann man ja gar nicht bewusst eingehen. Wobei ich meine Verabredungen einhalte und es auch nicht empfehlenswert empfinde, aus einer Serie auszusteigen, noch dazu aus einer erfolgreichen. Es gibt Kollegen, die sagen Serien ab, weil es zu wenig Kunst sei. Doch die heutige Kunst, wenn überhaupt, besteht darin, die Menschen zu unterhalten. Kunst, sagt Karl Valentin, ist schön, macht aber viel Arbeit.

Ein Film wie Bernhard Wickis „Die Brücke“, in dem Sie 1959 als 18-Jähriger mitgespielt haben, ist Kunst.

„Die Brücke“, könnte man sagen, ist die Kunst, aus einem Antikriegsfilm einen Klassiker zu machen.

Haben Sie Vorbilder?

Walther Matthau, das ist meiner! Es heißt ja auch: Comedy is a dead serious job. Eine Situation, die komisch ist, und die muss man mit todernster Miene bedienen. Gerhard Polt ist auch so einer. Dieses Bayrische, das Hinterfragen dabei: Er schaut den Menschen aufs Maul. Und ich bemühe mich schon auch, so zu sprechen, wie die Leute sprechen.

Zurück zu „Derrick“. Das ist die weltweit meistverkaufte deutsche Fernsehserie überhaupt, in über 100 Länder.

Als ich vor Jahren in Taiwan in einer Straßenküche eine Suppe gegessen habe, erhellten sich plötzlich die Gesichter, als einer sagte: „Hally? Dellick?“ Dann gab’s noch mal ein paar Fleischbällchen mehr zu dieser köstlichen Suppe. „Hally! Dellick!“ Natürlich ist das erfreulich. In Frankreich und Italien läuft „Derrick“ immer noch. Mir wurde einmal erklärt: Es gibt in Italien den Papst, also den deutschen Papst, und dann kommt gleich „Derrick“.

Wie war für Sie der Abschied von „Derrick“ – und von Horst Tappert?

Die letzte Folge, der letzte Tag, das war der Abschied. Den Abschied muss man nicht spielen. Und die Wehmut auch nicht. Wir waren ein Vierteljahrhundert zusammen. Natürlich kann ich mich an Tapperts letzten Geburtstag erinnern: Da hat er einen Aschenbecher rausgeholt, den ich ihm vor Jahren geschenkt hatte. ,Fritz, den habe ich noch nie benutzt. Heute ist der besondere Tag.’ Da haben wir beide den Aschenbecher benutzt, den ich ihm geschenkt hatte. Das war für mich unvergesslich. Es war das letzte Mal, dass ich den Horst gesehen habe. Der nächste Anlass war, dass mich seine Frau gebeten hat, die Trauerrede zu halten.

Haben Sie es gemacht?

Ja, so wie bei Michael Hinz, und 2009 bei meiner Mutter. Das waren die drei Trauerreden, bei denen ich nie geglaubt habe, dass ich das jemals schaffen würde. Ich habe die Kraft dann bekommen, weil ich mir vorgestellt habe, dass die Person, die von uns gegangen ist, das gerne gehört hätte oder vielleicht auch hört.

Als Sie 1972 mit Liza Minnelli, mit der Sie bis heute befreundet sind, „Cabaret“ drehten, haben Sie sich sicherlich die Frage gestellt: Harry Klein oder Hollywood?!

Ich war ja damals zu der Oscar-Verleihung eingeladen und durfte nicht gehen, was ich TV-Produzent Helmut Ringelmann nie verzeihen werde, auch posthum nicht. Man hat dann eine Nachlese mit mir gemacht. Ich bin bei Paramount und überall gewesen, von Talkshow zu Talkshow, von Pressetermin zu Pressetermin. Auch bei der Agentur MCA, wo sie mir ein Theaterstück am Broadway, einen Film in Kanada und einen Film in Amerika angeboten haben. Wie es mit meiner Zeit aussehe.

Und?

Daraufhin sage ich: ,Ich hab noch dieses Jahr zu tun, und eine Option für nächstes Jahr.’ Hätte ich das nicht gesagt, hätte es wahrscheinlich geklappt. Im Nachhinein betrachtet. Dann kam der härteste Satz, den ich in Verbindung mit meinem Berufsleben erfahren musste: ,Okay, forget it!’ Das war hart.

Sie waren damals 31, als Hollywood rief.

Ja, und zum ersten Mal dort, auch in New York. Wie im Bilderbuch, wie auf Postkarten gesehen. Es roch nach Hot Dogs. Im Nachhinein haben Kollegen gefragt, ob es mir nicht leid getan hat. Aber, ich bin zu fatalistisch. Es ist auch unsinnig, im Nachhinein, als Hier-und-Jetziger, irgendetwas verändern zu wollen. Die Wirklichkeit ist nicht veränderbar. Oder: So wie sie auf einen wirkt, das muss ja nichts mit der Wahrheit zu tun haben.

Nach dem „Derrick“ sind es seit einiger Zeit zwei andere ARD-Reihen, die eng mit Ihrem Namen verbunden sind: „Um Himmels Willen“ läuft erfolgreich in der ARD. Und „Mord in bester Gesellschaft“, mit Ihnen und Ihrer Tochter Sophie. Hier Bürgermeister Wolfgang Wöller, dort Psychologe Wendelin Winter. Wie viel Wepper ist in Wöller und Winter?

Wenn der Wöller bei „Um Himmels Willen“ ansteht, dann kann ich den großen Farbkasten aufmachen. Es ist ein wenig wie in „Don Camillo und Peppone“ mit dem wunderbaren Fernandel: Himmlisches gegen Weltliches, damals christliche Religion gegen Kommunismus. Es ist diese Rezeptur, der wir gerecht zu werden versuchen.

Sie selbst werden nun 70 Jahre alt. Was bedeutet das für Sie, wie fühlt sich diese Zahl für Sie an?

Je näher man solch einer Zahl rückt, der 50, der 60, jetzt der 70, desto unterschiedlicher wird die Wahrnehmung. Das zeitliche Empfinden wird kürzer. Ich weiß noch, als ich zur Schule ging, habe ich jeden Tag an einem Maßband abgeschnitten, „nur“ zwischen Weihnachten und Ostern. Das war eine Ewigkeit. Und natürlich: Es gibt immer eine objektive Zeit.

Sie klingen da sehr melancholisch.

Es gibt ein wunderschönes bayerisches Lied, das heißt „Geh’ weiter, Zeit bleib steh’“. Oder eben: „Wie die Zeit vergeht“. Diese Lieder, wenn man die mit Stöpsel im Ohr hört beim Skifahren, gewinnen schon an Bedeutung.

Das Gespräch führte Thilo Wydra.

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